 |
Tim Engelhart
War
of the Rebellion
Eine kritische
Bestandsaufnahme des Amerikanischen Bürgerkrieges
Was
steckt hinter der verklärten Darstellung dieser blutigen
Auseinandersetzung, die die drohende Spaltung „einer“ Nation
verhindern sollte? Welche moralischen Ansprüche kann ein
Bürgerkrieg erheben, in welchem weit über 600.000 Menschen
ihr Leben verloren haben? Dieser Krieg hatte vielen
Schattenseiten, die im Verlauf der Geschichte immer wieder
verzerrt worden sind.
Wer
hat den Klassiker von Harriet Beecher Stowe „Onkel Toms
Hütte“ nicht gelesen, wer nicht die farbenfrohen,
bildgewaltigen Filme wie „Vom Winde verweht“ oder
„Glory“
förmlich verschlungen? Wem blieb nicht beim Anblick der
tapferen Negersoldaten unter Oberst Robert Shaw (übrigens
überzeugend gespielt von Matthew Broderick) der Mund offen
stehen, nachdem die schwarzen Soldaten heldenhaft ihrem
weißen Kommandeur während der vergeblichen Erstürmung von
Fort Wagner - Lämmern gleich - in den Tod folgten? Die Musik
unterstrich dramaturgisch perfekt die Bilder, die sich vor
dem erstaunten Zuschauer in brutaler Abfolge aufbauten.
Historisch korrekte Darstellung oder die pure Manipulation
geschichtlicher Ereignisse mit der Absicht, einer späteren
moralischen Erklärung mit geschickt gewählten ideologischen
Instrumenten zum Erfolg zu verhelfen? Beides ist der Fall,
obwohl dieser Bürgerkrieg speziell im Austragungsland und
hier in Deutschland überwiegend einseitig dargestellt wurde
und wird.

Storming Fort Wagner, Kurz and
Allison, Chicago, 1890. Die Lithographie zeigt die
Erstürmung des Fort Wagner, South Carolina, am 18. Juli
1863. Inmitten der farbigen Unionssoldaten ist ihr
Kommandeur, Oberst Robert Gould Shaw, zu erkennen, der an
diesem Tag im Alter von 25 Jahren fiel.
In der bürgerlichen Geschichtsschreibung
dominierte die Definition einer „militärischen
Auseinandersetzung aufgrund wirtschaftlicher, politischer
und sozialer Gegensätze“. Diese Aussage besaß durchaus
allgemeingültigen Charakter, wenngleich die
Differenzierungen der einzelnen Komponenten fehlten. In den
Geschichtsbüchern der ehemaligen DDR wurde der Amerikanische
Bürgerkrieg als „bürgerlich – demokratische Revolution“
gewürdigt, die im Ergebnis die Abschaffung der Sklaverei zur
Folge hatte. Allerdings vertieften sich die Historiker in
der ehemaligen DDR weitaus intensiver in die Problematik der
Sklaverei, als dies ihre bürgerlichen Kollegen im Westteil
Deutschlands taten. Der Historiker Jürgen Kuczynski übernahm
in seiner Biographie von Abraham Lincoln die Aussage von
Friedrich Engels, dass es sich nicht um einen revolutionären
Krieg gehandelt hat. Tatsächlich sei dieser wie viele andere
Auseinandersetzungen im 19. Jahrhundert ein konservativer
Krieg gewesen. Gestützt wurde die These durch Präsident
Lincoln selbst, der am 22. August 1862 in einem Brief an den
Herausgeber der New York Tribune folgende Zeilen schrieb:
„Mein höchstes Ziel in diesem Kampf ist die Rettung der
Union, nicht der Schutz oder die Vernichtung der Sklaverei.
Wenn ich die Union erretten könnte, ohne einen einzigen
Sklaven zu befreien, würde ich es tun; und wenn ich sie
retten könnte, indem ich die einen befreite und die anderen
nicht, so würde ich auch dies tun.“
(N.M. Butler, Der Aufbau des
amerikanischen Staates; Berlin 1926)
Die uns allen vertraute Charakteristik einer
bürgerlichen – demokratischen Revolution à la Frankreich, in
welcher ausdrücklich „Égalité – Fraternité – Liberté“
zusammen fassend zum Leitmotiv erhoben worden waren
(zugegeben mit den grausamen Ausartungen der Revolution) ,
schien im Amerikanischen Bürgerkrieg nur unvollständig
Gültigkeit zu besitzen. Zumal die erste bürgerliche
Revolution bereits mit der Beendigung des Amerikanischen
Unabhängigkeitskrieges 1783 die ungezügelte Ausbreitung
kapitalistischer Gigantomanie ermöglicht hatte. Der einzige,
aber entscheidende Schandfleck dieser bürgerlichen
Revolution bestand in der Ausgrenzung der Neger und der
Indianer, die an den Vorzügen eines angestrebten, jedoch
niemals erreichten Egalitarismus der Gesellschaft, nicht
partizipieren durften. Die gedankliche Erblast einer
Standesbewussten, ihrer Herkunft bzw. europäischer Erziehung
geschuldet, in gesellschaftliche Klassen unterscheidenden
kleine Gruppe von Finanzoligarchen, wirkte sich auch auf die
Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika aus. Zum
Leidwesen der rund 3 Millionen Schwarzen, die zum großen
Teil auf den Farmen der Großgrundbesitzer im Süden arbeiten
mussten. Ein Widerspruch wurde immer erkennbarer, der leider
keinesfalls mit dieser inhaltsbezogener Deutlichkeit vor 140
Jahren
erkannt werden konnte. Nachdem die europäischen Großmächte
England und Frankreich im Bürgerkrieg für die Interessen der
Konföderation zu intervenieren drohten, entschloss sich
Abraham Lincoln schließlich am 22. September 1862 die
Proklamation zur Befreiung der Negersklaven zu erlassen. Ein
Eingreifen der europäischen Großmächte war nun aufgrund der
vermeintlich moralischen Legitimation zur Kriegsführung
unmöglich.

The Fort Pillow Massacre, Kurz and
Allison, Chicago, 1892. Die Darstellung zeigt das Massaker
vom 12. April 1864. Konföderierte Soldaten unter dem Befehl
von General Nathan Bedford Forrest ermordeten an diesem Tag
farbige Soldaten und Zivilisten, nachdem sich diese ergeben
hatten.
Der Amerikanische Bürgerkrieg brachte Not und
Elend für große Teile der Bevölkerung. Insbesondere die
unteren sozialen Schichten spürten deutlich die Auswirkungen
der militärischen Auseinandersetzungen. Am 3. März 1863
führte der Kongress der Vereinigten Staaten auf Veranlassung
des Präsidenten die allgemeine Wehrpflicht ein, die jeden
männlichen Einwohner zwischen 20 und 45 Jahren zum
Wehrdienst (eigentlich Kriegsdienst) verpflichtete. Wer über
den Betrag von 300 $ verfügte oder einen Ersatzmann stellen
konnte, war automatisch vom Wehrdienst befreit! Die Folge
war, dass sich ein Großteil der gut situierten oberen
Schicht vom gefährlichen Kriegsdienst freikaufte. In New
York City und anderen Städten kam es daraufhin zu
Ausschreitungen mit zahlreichen Toten. Ein diffiziles
Kapitel amerikanischer Militärgeschichte, welches in aller
Klarheit nur selten von bürgerlichen Historikern
aufgearbeitet wurde. Die Bundesregierung in Washington
nutzte die unsichere Zeit des Bürgerkrieges und erließ ein
Gesetz nach dem anderen, um den Privilegierten in der
Gesellschaft weitere Vorteile zu verschaffen (etwa der
homestead act von 1862 und die großzügigen
Landschenkungen der Regierung an die
Eisenbahngesellschaften) Die Rüstung boomte in einem bisher
ungeahnten Ausmaße, so dass die Regierung weit über 2,87
Milliarden Dollar aufbringen musste, um Waffen und
Ausrüstung bezahlen zu können. Das Geld wurde zu großen
Teilen in Europa geliehen bzw. später einfach nachgedruckt.
Ökonomisch betrachtet kam dies einer Inflation gleich.
Spekulanten und Finanziers erlebten ihr wahres Eldorado. Sie
verdienten Unsummen mit dem Leid der Bevölkerung. An dem
Großteil der Bevölkerung ging dieser finanzielle Rausch auf
Pump allerdings spurlos vorüber. Sie mussten nach dem Krieg
durch ein erhöhtes Steueraufkommen die Verschuldung
abtragen.

Im Juli 1863 kam es in New York City zu
blutigen Auseinandersetzungen. Die zeitgenössische Abbildung
zeigt den Lynchmord an einem Farbigen, der Opfer der
wütenden Menge geworden ist. Etwa 50.000 Einwohner von New
York, meist irische Einwanderer, gingen gewaltsam gegen
Rekrutierungsbüros und andere staatliche Einrichtungen vor.
Ihr Hass richtete sich auch gegen farbige Mitbewohner, von
denen im Verlauf der Ausschreitungen 11 getötet wurden. Über
100 Menschen starben während der Unruhen im Juli 1863 in den
Straßen von New York.
Mit Beendigung des Amerikanischen
Bürgerkrieges hatte sich Präsident Lincoln anfängliche
Abneigung gegenüber der Sklavenbefreiung in eine klare
Positionierung mit moralischem Anspruch verwandelt. In
seiner Antrittsrede nach der Wiederwahl erklärte er am 4.
März 1865: „Ein Achtel der Bevölkerung waren farbige
Sklaven [ … ] Diese Sklaven stellten einen besonderen und
wichtigen Wirtschaftszweig dar. Jeder wusste, dass dieser
Wirtschaftszweig irgendwie die Ursache des Krieges war.
Diesen Wirtschaftszweig zu stärken, zu verewigen und
auszudehnen war das Ziel, für das die Aufständischen die
Union zerreißen wollten, selbst durch Krieg, während die
Regierung kein größeres Recht beanspruchte, als seine
räumliche Ausdehnung einzuschränken.“ (Zitiert
nach: Anspruch und Wirklichkeit. Zweihundert Jahre Kampf um
Demokratie in den USA. Dokumente und Aussagen, Berlin 1976,
Seiten 184f.) Die Frage nach den
Ursachen der Sklaverei und einige Antworten darauf, waren im Verlauf des
Bürgerkrieges langsam aber stetig in der Gedankenwelt des
Präsidenten gereift. Ein langwieriger Prozess mit durchaus
gegensätzlichen Ergebnissen. Kaum einer der Historiker von heute
greift beispielsweise auf die Botschaft von Lincoln am 3.
Dezember 1861 zurück, in welcher er dem Kongress empfahl,
alle befreiten Negersklaven zu „kolonisieren“ und nach
Afrika zu schicken. Sollte nun einmal die Befreiung der
Negersklaven zur Disposition stehen, so dürfte das Ergebnis
jedoch keinesfalls in irgendeinem Teil der Vereinigten
Staaten von Amerika anzusiedeln sein. Diese Empfehlung birgt
wesentlich mehr Zündstoff in sich, als zunächst der Inhalt
mit der geradezu grotesken Vorstellung eines Präsidenten
über die Handhabung eines „Problems“ vermuten lässt.

Im Jahre 1853 malte Eyre Crowe (1824 -
1910) sein Bild
"After the Sale". Es zeigt den soeben getätigten
Verkauf einer Sklavenfamilie und die damit verbundene
Trennung der einzelnen Mitglieder.
Nach dem Sieg der Nordstaaten über den Süden
schien sich zunächst die abolutionistische Idee einer
Majorität der Bevölkerung konkret in die Tat umsetzen zu
lassen. Wer Filme wie „Gettysburg“ oder
„Gods and Generals“ gesehen hat, kann keinen Zweifel
an der moralischen Überlegenheit der Sieger über die
Besiegten haben. Dieser Prozess, der uns die Akteure
wesentlich sympathischer gemachte hat, schlich über die
gesamte Zeit des Amerikanischen Bürgerkrieges und
entwickelte sich am Ende zu einer durchaus ernst gemeinten
Absichtserklärung. Nach der „Befreiung“ der Negersklaven
strömten viele von ihnen in den Norden, um hier Arbeit und
ein neues Leben finden zu können. Viele von ihnen stießen
auf die Ablehnung der Nordstaatler, die in den Farbigen eine
ernst zu nehmende Konkurrenz ihrer Arbeitsplätze sahen. Es
kam zu Übergriffen, die oft mit Lynchmord endeten. Der
Amerikanische Bürgerkrieg hat zu Recht seinen würdigen Platz
in der Geschichte der Menschheit auf der Suche nach einer
gerechteren Gesellschaft eingenommen. Aber weder waren die
Menschen noch die Zeit, in der sie lebten bereit, um ein
solches epochales Ereignis der Menschheitsgeschichte
bewältigen zu können.

A ride for Liberty - The Fugive Slaves.
Ölgemälde von Eastman Johnson (1824 - 1906), ca. 1862 - 63. Das nahezu
einfarbig gefärbte Bild zeigt die entschlossene Flucht einer
farbigen Familie in den Norden. Die Ehefrau wirft einen
letzten, ängstlichen Blick zurück.
Die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten
Staaten, die in der Verfassung eines neuen, modernen Staates
gipfelte, krankte von Beginn an. Die Gründerväter waren
vorbelastet. Jeder stammte aus einer privilegierten Schicht
der Gesellschaft, die unmöglich die wahren Interessen aller
sozialen Klassen vertreten konnten. Gut 56 % der 55
Gründungsväter waren Juristen, 22 % Geschäftsleute, 14 %
Großgrundbesitzer, 5 % Mediziner und 2 % standen im
öffentlichen Dienst. 31 % besaßen auf ihren Plantagen
Sklaven, weitere 31 % hatten das elitäre College (zur
damaligen Zeit war dies nur den oberen Schichten möglich)
besucht. Hätte man aus der Vorgeschichte europäischer
Herrscherhäuser seine Lehren gezogen, wäre das Kaleidoskop
der Abgeordneten sicher bunter ausgefallen. Stattdessen
konnte sich ein plutokratisches Staatsgebilde etablieren, in
welchem innerhalb weniger Generationen die
gesellschaftlichen und finanziellen Disproportionen ein bis
dahin nicht gekanntes Ausmaß annehmen sollten.
Fazit:
Ich verfolge nicht die Absicht, die vielen
großartigen Leistungen der amerikanischen Revolution in
Frage zu stellen. Auch soll hier nicht die Person und die
Leistung eines Abraham Lincoln vom Sockel der Geschichte
demontiert werden. Jedoch muss und soll kritisch hinterfragt
werden, wenn ein Staatsgebilde unverhohlen die moralische
Überlegenheit gegenüber dem Rest der Welt proklamiert,
jedoch nachweisbar elementare Grundregeln der zivilisierten
Nationen dieser Erde nicht kennt bzw. ignoriert. Ihre
einmalige Chance bestand mit Beendigung des
Unabhängigkeitskrieges darin, ein grundsätzlich neues,
egalitäres, auf das Allgemeinwohl Aller und nicht einzelner
ausgerichtete soziales und gerechtes Staatsgebilde vor den
Augen der gesamten Welt entstehen zu lassen. Stattdessen
führten viele der einflussreichen Akteure die bewährten
Methoden der Profiteure der eigentlich so verhassten „Alten Welt“, entschlossen und
noch rücksichtsloser weiter fort. Mit dem Erscheinungsbild der
Vereinigten Staaten von Amerika von heute, hat dieser
Prozess der ständigen Ausbeutung von Ressourcen und
Menschen, des globalen Feldzuges gegen das „Böse“, des
ungehemmten Hegemonialanspruches eines kaum 223 Jahre alten
Staatsgebildes gegenüber Jahrtausende alter Völker und
Nationen, seinen traurigen Höhepunkt erreicht. Die
Selbstverliebtheit eines Landes und viele seiner Bewohner
treibt im trüben Wasser der Geschichte gefährlich einem Wasserfall
entgegen, und damit dem zwangsläufigen Fall aus unbekannter
Höhe.

Lincoln Denkmal im Lincoln Memorial in
Washington, D. C.
zurück
zur Übersicht
|
 |