Die Pathologie eines Krieges. Wie empfanden die Soldaten die Schacht. Ein erster Erklärungsversuch.

 

 

Tim Engelhart

 

Die Pathologie eines Krieges

 

 

Hell for Glory - Pickett's Charge von Keith Rocco. Der ungezügelte Angriff der Konföderierten. Rocco hat es verstanden, die unterschiedlichen Gemütsverfassungen in den Gesichtern der voranschreitenden Soldaten wider zu spiegeln. Angst, Hass, Wut und Verzweifelung stehen ihnen ins Gesicht geschrieben.

US – General William T. Sherman charakterisierte 1865 die soeben beendete Auseinandersetzung mit den Worten „Krieg ist die Hölle.“ Er setzte dabei Maßstäbe an, die seinen Vorstellungen entsprachen und im kontemporären Kollektivbewusstein tief verankert waren. Entspricht unsere heutige Vorstellung vom Krieg, der eines General Sherman und seiner Zeitgenossen? Muss unser Weltbild aufgrund des zwangsläufig, historisch bedingten Erfahrungszuwachses,  nicht spürbar von den Vorstellungen vor 140 Jahren abweichen? Oder einfach ausgedrückt: meint General Sherman die gleiche Hölle, die uns in diesem Zusammenhang vor Augen schwebt? Ein schwieriges Thema, das mit absoluter Gewissheit keine klaren Aussagen hervorbringen wird. Dennoch werden einige grundsätzliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Definition aus heutiger Betrachtung ersichtlich. Es lohnt sich, darüber nachzudenken. Hier nun eine kleine Einführung, ein Versuch einige Aspekte des Krieges von 1861 bis 1865 näher zu beleuchten.

Die sicher gründlichste Aufarbeitung zum Thema legte Carl von Clausewitz im 19. Jahrhundert vor. „Krieg ist die Fortführung der Politik mit anderen Mitteln“ ist seiner Studie zu entnehmen, obwohl der Zusammenhang, in welchem dieser Satz entstand, sich grundlegend von unserem heutigen Standpunkt unterscheidet.  Clausewitz’ theoretische Abhandlung über den Krieg beinhaltet ganz entscheidende Aussagen über die Physis und Psyche des Krieges der damaligen Zeit, und derer, die ihn ausgefochten haben. Die Schlachten im 19. Jahrhundert folgten im Wesentlichen immer dem Prinzip der alt bekannten Theorien der Kriegsführung. Amerika machte hier keine Ausnahme. Die Lehrhandbücher für Offiziere stützten sich fast vollständig auf das Niveau der Kriegskunst in Europa. Hier dominierte nach wie vor die Linientaktik das Kampfgeschehen. Artillerie und Kavallerie besaßen per Definition fest gelegten Rollen, die es einzuhalten galt. Ein fataler Irrtum, wie sich insbesondere in den ersten drei Kriegsjahren der Auseinandersetzung von 1861 bis 1865 zeigen sollte.

William Barksdale in der Schlacht von Gettysburg. Ein Bild von Mort Künstler. Der Gefahr trotzend, den Tod vor Augen, stürzt sich der konföderierte General in die Schlacht. Sein Mut erntet bei den föderierten Soldaten im Vordergrund Anerkennung und Respekt. Seinem Beispiel folgend, stürzen sich die konföderierten Soldaten verbittert auf den Gegner. Brigadegeneral William Barksdale wird bei diesem Angriff schwer verwundet und stirbt einen Tag später, am 3. Juli 1863.

Clausewitz widmete in seiner Studie dem seltsamen Phänomen der Friktion ein gesondertes Kapitel. Hier versuchte er anschaulich zu beschreiben, worin die Schwierigkeiten und die vermeintlichen Erleichterungen des handelnden Individuums in der Schlacht bestanden. „Es ist alles im Kriege sehr einfach, aber das Einfachste ist Schwierig“. Mit diesem Antagonismus der menschlichen Psychologie in Verbindung mit dem von unterschiedlichen Komponenten beherrschten Schlachtgeschehen, leitete Clausewitz erstmals eine ernsthafte wissenschaftliche Diskussion zum Thema ein. Unvorhergesehene Ereignisse erforderten rasche Entscheidungen, die wiederum auf Grund ihrer zwangsläufigen Konsequenzen von weiteren Ereignissen, direkter oder indirekter Natur, abhängig gemacht werden mussten. Ein schier unlösbarer innerer Konflikt jedes Einzelnen steuerte in der Schlacht unvermeidbar seinem Höhepunkt und für viele seinem Ende entgegen. Falls es jemals in einer solchen bedrohlichen Situation ein logisches Verhalten und damit eine Einflussnahme auf das Geschehen gegeben haben sollte, so konnte dies ausschließlich auf die Erfahrung des Feldherren und seiner Soldaten zurückgeführt werden. Soweit Clausewitz.

Attack on Culp's Hill, Gettysburg, July 3, 1863. Ölgemälde von Peter Frederick Rothermel (1817 - 1895) aus dem Jahre 1870. Die Unionssoldaten im Vordergrund haben sich auf die Angriffe der Konföderierten vorbereitet. Den Tod verachtend stürmen diese aus dem Waldstück hervor, wo sie sofort von den Unionssoldaten unter Feuer genommen werden.

Biologisch betrachtet liefen in einer Schlacht, in der unmittelbaren Situation einer Bedrohung also, immer die gleichen Reaktionen ab. Der Hypothalamus schüttet blitzartig Corticotropin – Releasinghormone aus, welche wiederum die Hypophyse zur Produktion des Adrenocorticotropes Hormon veranlassen. Fast gleichzeitig reagiert das Sympathikus des Nebennierenmarks und schüttet innerhalb weniger Sekunden Adrenalin und Noradrenalin aus. Dies bewirkt eine kurzfristige Bereitstellung von Energiereserven, erhöhten Blutdruck und eine bessere Durchblutung der Muskulatur. Der Mensch verspürt einen deutlichen Kraftzuwachs. Der Körper selbst ist dabei nicht in der Lage, zwischen positiven Stress (Freude) und negativen Stress (Todesangst) zu unterscheiden. Im Zusammenhang des hier besprochenen Themas klingt dies allerdings derart ironisch und makaber, dass ich an dieser Stelle verzichte, weiter zu insistieren. Die Gefahr des einzelnen Soldaten besteht nun darin, dass beim Überschreiten der Angstschwelle die eigene hormonell bedingte Energieerhöhung umschlägt und den Körper zu destabilisieren droht. Der Puls erhöht sich dramatisch, die Muskeln verkrampfen und die Verdauung wird in Mitleidenschaft gezogen. Diese Angstsymptome können lange anhalten und manifestieren sich unter Umständen in chronischen, irreparablen Beschwerden. Solche massenhaft auftretenden Phänomene wurden erstmals im ersten Weltkrieg festgestellt und unter der Bezeichnung „Zitterkrankheit“ von Ärzten untersucht. In allen Kriegen, die bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts geführt worden waren, blieben solche Untersuchungen reine Theorie. Die Leiden der Soldaten, ihre Spätfolgen, die nicht immer physischer Natur sein mussten, passten nicht in das gesellschaftliche Bild einer kriegsgewohnten Bevölkerung, die in der Kriegsführung sicher mehr sah, als die pure Selbstverteidigung der Heimat.

Der Künstler Alfred Waud hat den Augenblick des Aufmarsches der Konföderierten auf einer Länge von über 1000 m auf die Stellungen der Unionsarmee bei Gettysburg zu Papier gebracht. Fotografien mit bewegten Motiven waren zur damaligen Zeit noch nicht möglich.

 

Tatsächlich gestalteten sich die Erlebnisse und Empfindungen jedes einzelnen Teilnehmers einer Schlacht höchst individuell. Grundsätzlich ließen sich jedoch einige gleiche Abläufe und Vorgänge feststellen, die auf die Verarbeitung der menschlichen Sinneswahrnehmungen zurück zu führen waren. Die Schlachten im Amerikanischen Bürgerkrieg basierten überwiegend auf einer technologischen und logistischen Vorbereitung, um in das eigentliche Kampfgeschehen eintreten zu können. Infolgedessen wussten die Soldaten sehr wohl, dass eine Schlacht bevor stand, nicht aber, was sie konkret erwarten würde. Hier zeigten sich die erfahrenen Veteranen als deutlich überlegen, da ihr Verhalten bereits die einzelnen drillmäßigen Abläufe berücksichtigen konnte und eine gewisse Routine in all ihrem Handeln lag. Wurden die Männer schließlich in Marsch gesetzt, näherten sie sich mit jedem Schritt einem ohrenbetäubenden Getose aus einer Unzahl von Geschützen und Gewehren. In diese schreckliche Atmosphäre mischte sich der Geruch des Totes, der von den Soldaten in aller Deutlichkeit über die Sinnesorgane wahrgenommen werden musste. Ein junger Nordstaatler schilderte seine Feuertaufe bei First Bull Run folgendermaßen: „Dann folgten wir den anderen durch den Bull Run und überquerten ein Feld, auf dem verwundete und tote Männer lagen. Bei ihrem Anblick wurde mir fast schlecht.“ (Victor Austin, Der Amerikanische Bürgerkrieg in Augenzeugenberichten, Düsseldorf 1963, Seite 99) Überall zischten todbringende Projektile unterschiedlicher Größe gefährlich dicht an den Köpfen der stur vorwärts schreitenden Soldaten vorbei. Der Boden war übersäht von Toten und Sterbenden, die furchtbar schrieen und um Wasser flehten. Die Soldaten stolperten über abgerissene Körperteile, bahnten sich ihren Weg über Pferdekadaver und den schrecklichen Ausdünstungen menschlicher und tierischer Eingeweiden. Ihre Reihen lichteten sich mit jedem weiteren Schritt, der sie dem Feind entgegenbrachte und dessen gut gezielten Feuer nahezu schutzlos aussetzte. Das Krachen der Knochen, die beim Aufprall der Bleigeschosse zersplitterten, Hirnmasse, die bei Kopftreffern schlagartig herausspritzte und die in der Nähe laufenden Kameraden als schleimige Masse von oben bis unten bespritzte. Die Bewegungen wurden hektischer. Selbst der abgestumpfte Veteran zog bei jeder todbringenden Salve des Feindes instinktiv den Kopf ein. Zwischen die patriotischen Rufe der Soldaten mischten sich immer mehr die Schreie der verletzten Kameraden, die zurück bleiben mussten. Die Glücklichen! Endlich hatten die gelichteten Reihen eine Distanz erreicht, aus der sie das Feuer auf den standfesten Feind erwidern konnten. Salve für Salve tauschte nun die Seiten und im dicken blauen Dunst des verbrannten Schwarzpulvers war binnen weniger Minuten nichts mehr zu erkennen. Überall blitzen kurz die Mündungsfeuer der Gewehre grell auf, und ihre Projektile schienen direkt auf die eigene Person abgefeuert worden zu sein. Durch den Mündungsknall der eigenen Kameraden fast taub, ein unaufhörliches hohes Pfeifen im Ohr, stürmten die übrig geblieben, völlig erschöpften Soldaten mit lautem Gebrüll schließlich vorwärts und eroberten die Stellung des Gegners. Ein Soldat aus Pennsylvania berichtete über seine Teilnahme an einem Sturmangriff: „Ich benahm mich wie ein Verrückter. Eine Art Verzweiflung packte mich. Ich nahm das Gewehr eines Mannes, der einen Kopfschuss erhielt, während er zusammen sackte. Normalerweise wäre ich entsetzt gewesen, aber ich sprang über die Toten, als wären sie Baumstämme. Das oberste Gefühl in meinem Kopf war, so viele Rebellen wie möglich zu töten.“ (Oliver Norton, Army Letters, 1861 – 1865, Chicago 1903. Seiten 106-109) Die Berichte beteiligter Soldaten beider Seiten ließen sich in grauenhafter Detailgenauigkeit mühelos fortsetzen. So oder so ähnlich spielte sich Szenen hunderter schauriger Ereignisse in diesem Krieg ab. Was dem ohrenbetäubenden Lärm einer Schlacht folgte, war die Stille, die Ruhe, die sich wie ein dumpfer Schleier langsam über den Ort des Geschehens senkte. Der Tranche ähnliche Zustand einiger Soldaten wich über kurz oder lang einer großen Emotionalität, mit der die zurückliegenden Stunden nun aufgearbeitet wurden. In einem Brief an seine Frau schrieb ein unbekannter Soldat: „Als die Schlacht vorbei war und ich sah, was wir angerichtet hatten, kamen die Tränen frei heraus. Kaum zu glauben, dass zivilisierte Leute sich wie Vieh abschlachten. Man möchte denken, dass der Herr so etwas verbietet.“ (Bell I. Wiley, The Life of Jonny Reb, Indianapoli, Ind. 1943, Seite 33) Unsere "Nachempfindung" von heute erschöpft sich lediglich in unserer Phantasie und der mehr oder weniger stark ausgeprägten Vorstellung von Kriegsführung der damaligen Zeit. Kann man eigentlich eine Situation nachempfinden, die mit so viel Schmerz und Leid, mit einer grausamen Reizüberflutung verbunden war, die sicher außerhalb unserer modern geprägten Vorstellung lag. Ich denke nicht.

   

 Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen. (Plato)

Die stark romantizistische Darstellung links im Bild aus dem Jahre 1864 verknüpft allegorische Elemente mit den alltäglichen Konsequenzen einer Schlacht. Der verwundete Soldat ist dem Tod geweiht. Seine letzten Blicke und Gedanken gehören dabei seiner Familie, die im Kummer und Schmerz über seinen Verlust fast zu zerbrechen droht. Nur der Sohn vermag der trauernden Mutter Kraft zu spenden, um die schweren Stunden zu überstehen. Die kleine Tochter links oben, eilt, scheinbar unbeeindruckt von den Sorgen der Mutter, Lebens zugewandt seitlich in die Zukunft hinaus.

Rechts ein Foto von gefallenen Konföderierten bei Fredericksburg (so genannter Hohlweg). Die Realität und der Schrecken der Schlacht hatten nur wenig mit der Darstellung links im Bild zu tun. Noch im Angesicht des Todes wirkt dieser Unionssoldat (links) gut gekleidet und sorgfältig frisiert. Welch eine Ironie!

 

Resümee: Wer will sich heute eine Situation vorstellen, in der er bereit ist, bereit sein muss, sein Leben und das vieler anderer Menschen für eine Sache, vielleicht nur für eine Idee, zu opfern? Wer möchte die Annehmlichkeiten, ja den Luxus unserer Zeit, aufgeben und statt dessen in stupide wirkenden, uniformierten Kolonnen in eine Schlacht ziehen, die ihn verletzen, möglicherweise sogar töten könnte? Wer will Abschied nehmen von seinen Lieben, von Freunden und Freuden dieses Lebens, ohne die Garantie, unversehrt wieder zurück zu kehren? Es wird keine Antwort darauf gegen, die Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben kann. Die Zeit vor rund 140 Jahren unterschied sich in Hinblick auf Anspruchsdenken und Wertvorstellung der Menschen ganz erheblich von unserer Gegenwart. In der Bevölkerung der 1860er Jahre spielten Religiosität, ein begrenzter geistiger Horizont und eine spartanische Lebensweise die zentrale Rolle ihres Daseins. Leben und Tod lagen eng beieinander. Enger als heute. Wer nicht viel besaß, wer keine intellektuellen Ansprüche nach unserer heutigen Vorstellung hatte, der konnte auch nicht viel verlieren. Ihr Leben war von Zwängen, von Pflichten weitaus stärker dominiert, als es heute der Fall ist. Es gehörte wie selbstverständlich dazu, im Angesicht einer militärischen Bedrohung seine Pflicht zu erfüllen, auch - oder gerade weil -  die Möglichkeit damit verbunden war, zu fallen oder für den Rest des Lebens traumatisiert dahin zu vegetieren. Orden und die Anerkennung des sozialen Umfeldes waren gewiss. Wie tröstlich!

Stellen Sie Sich die Situation vor, einer Mobilmachung folgen zu müssen, die alle Männer zwischen 20 und 45 zum Wehrdienst verpflichtet und sofort an die todbringende Front verschickt. Das Herausreisen aus einer angenehmen, ja vielleicht sogar zufriedenen und komfortablen Lebenssituation, wäre sicher für die meisten unerträglich. Ein gesellschaftlicher Aufschrei, verbunden mit zahllosen Klagen an die oberste Gerichtsbarkeit, wäre die Folge. Nein, es ist nicht möglich, die Gemütsverfassung von Menschen vor über 140 Jahren nachzuempfinden oder gar zu verstehen. Während wir heute im ständigen Drang nach der Zukunft alte Werte immer mehr in den Hintergrund verbannen, bestand der Lebensinhalt vieler einfacher Menschen vor 140 Jahren lediglich darin, gestützt auf den tiefen Glauben ihre Familie und ihre kleine Welt in der sie lebten, mit allen Mitteln zu verteidigen. Ein Krieg konnte durchaus als legitimes Mittel zur Erhaltung der eigenen Kultur und Lebensführung in Erwägung gezogen werden. Menschen lernen nur langsam und der völlige Verzicht auf militärische Gewalt liegt nicht zwangsläufig in ihrer Natur.

 

Vivere militare est!

 

               

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