That’s the great Blenker

Die Geschichte einer “europäischen” Division im Amerikanischen Bürgerkrieg 1861-1865.

Ludwig Blenker kurz nach seiner Beförderung zum Brigadegeneral

 

Kaum ein historisches Ereignis wird in den Vereinigten Staaten mit so großem Interesse erforscht wie der Amerikanische Bürgerkrieg, der von 1861 bis 1865 im eigenem Land gewütet hat. Die Ursachen, die letztendlich im April zu offenen kriegerischen Auseinandersetzung führen sollten, lagen primär in den unterschiedlichen wirtschaftlichen Verhältnissen in Nord und Süd. Die große Rolle der Sklavenbefreiung, wie von vielen Historikern immer wieder publiziert und in grandios verfilmten Romanvorlagen effektvoll in Szene gesetzt, sollte sich in Wirklichkeit erst im Verlauf des Krieges immer deutlicher abzeichnen. Bis Kriegsende standen sich etwa 2.000.000 Nordstaatler und ca. 900.000 Südstaatensoldaten in gnadenlos geführten Schlachten gegenüber. Nur die zahlenmäßige Überlegenheit der Union führte schließlich im April 1865 zur Kapitulation. Zu Beginn des Krieges konnten die Südstaaten glänzende Siege erringen. Grund dafür war einerseits die Zähigkeit und die hervorragenden Kommandeure der Rebellen, die im Gegensatz zu ihrem Gegner für eine konkrete Zielstellung ihr Leben riskierten. Die Verteidigung der Heimat gegen einen aufmarschierten Feind überzeugte wesentlich besser, als die Vorstellung für die Erhaltung der Union oder gar für die Befreiung der Sklaven sein Leben aufs Spiel zu setzen. In den 1860er Jahren musste sich ein Land, das stets mit moralistischen Seitenhieben gegenüber dem Ausland alles andere als sparsam war den Vorwurf gefallen lassen, selbst ein regressives Sklavereisystem zu betreiben. Nachdem im Frühjahr 1861 auf beiden Seiten eine gewaltige Kriegsmaschinerie in Gang gesetzt wurde, strömten auch zahlreiche Emigranten, die in den Vereinigten Staaten eine neue Heimat gefunden hatten, zu den Waffen. Dabei lag ihre Teilnahme prozentual in den Regimentern des Nordens höher. Statistisch betrachtet war jeder vierte Soldat der Unionsarmee nicht in Amerika geboren. Allein etwa 200.000 Soldaten, die bis 1865 die Reihen der Nordstaatenarmee füllten, kamen aus Deutschland bzw. den deutsch sprechenden Länderein. Keine ethnische Gruppe stellte ein derart großes Kontingent wie die Deutschen. So ist es nicht verwunderlich, dass gerade zu Beginn des Krieges zahlreiche Einwanderer mit hohen Kommandoposten betraut wurden. Dabei hatte Präsident Abraham Lincoln nicht nur die Belohnung für ihren freiwilligen Eintritt in die Armee im Auge, sondern es war durchaus auch die dankbare Geste für eine stimmengewichtigen Unterstützung der Deutschen während der Präsidentschaftswahl von 1860. Im April 1861 sprach ein hochgewachsener, charismatischer Mann mit starkem süddeutschen Akzent vor, der nach der Organisation eines Freiwilligenregimentes die Anstellung eines Obersten ersuchte. Ludwig Blenker, ein 47-jähriger Geschäftsmann aus New York, konnte zahlreiche deutsche Landsleute im neu gebildeten 8. New Yorker Freiwilligenregiment werben, die sich unter das Sternenbanner der Union stellen wollten. Ludwig Blenker stammte aus Worms, wo er am 12. Mai 1813 geboren worden war. Nach seiner Lehre in einem Juweliergeschäft schloss er sich der bayerischen Legion an, um fortan in den verschiedensten Armeen Europas seinen Dienst zu leisten. Für die damalige Zeit völlig normal, meldete Blenker sich in den Regimentern, die am geschicktesten ihre Rekruten warben oder schlichtweg am besten zahlten. Nachdem im Jahre 1848 die revolutionären Unruhen auch Deutschland erfasst hatten, wechselte Ludwig Blenker zu den Freischärlern und wurde einer ihrer Kommandeure. Dabei zeichnete er sich insbesondere durch seine martialische Erscheinung aus, die später im Amerikanischen Bürgerkrieg ein wesentlicher Bestandteil in der Führung seiner Division sein sollte. Mit der Niederschlagung der Revolution in Deutschland flüchtete er anfangs in die Schweiz, um im Jahre 1850 nach Amerika auszuwandern. Ludwig Blenker gehörte damit zu den etwa 4000 deutschen Revolutionären, die nach 1849 ihren Weg in die verheißungsvolle neue Welt finden sollten. Als frischgebackener Kommandeur der Unionsarmee wurde er bereits im Juni 1861 mit der Führung einer Brigade betraut. Damit kommandierte Blenker fünf Regimenter in einer Stärke von etwa 5000 Soldaten. Am 21. Juli kam es zur ersten großen Feldschlacht des Krieges.

General Ludwig Blenker

Ganz in der Nähe von Washington hatten zahlreiche Zivilisten den schönen Tag dahingehend genutzt, Zeuge einer ersten militärischen Auseinandersetzung werden zu können. Mit Spannung erwartete man auf den Anhöhen ganz in der Nähe des kleinen Flusses Bull Run den Beginn der Schlacht. Nachdem die Regimenter aufmarschiert waren, eröffneten die feindlichen Truppen ein zügelloses Feuer. Von panischem Schrecken ergriffen, flüchteten die farbenfrohen Einheiten der Union zurück in Richtung Washington. Zwischen die zurückströmenden Soldaten mischten sich immer wieder Frauen und Kinder, die gemeinsam mit ihren Männer und Vätern den Rückzug der Soldaten blockierten. Eigentlich hatte man einen glänzenden Sieg erwartet. Statt dessen suchte ein jeder sein Heil in der Flucht. Oberst Blenker sicherte dabei so gut es ging den Rückzug der Unionsarmee und konnte mit einer völlig intakten Brigade am nächsten Tag in Washington einmarschieren. Trotz der eindeutigen Niederlage wurde die Truppe euphorisch gefeiert und überall sprachen die herbeigeeilten Bewohner vom „great Blenker“, der zwar keinen Sieg vorzuweisen hatte, aber dafür eine überzeugende Parade seiner gut ausgebildeten Soldaten zur Schau trug. Die Sensationslust der Bevölkerung war damit fürs erste gestillt. Für seinen Einsatz während der verlorenen Schlacht am Bull Run aber vielleicht auch wegen seines geradezu theatralischen Einmarsches in Washington wurde Ludwig Blenker am 9. August 1861 mit dem Generalsstern belohnt. Beförderungen waren zum damaligen Zeitpunkt an der Tagesordnung, fast jeder außergewöhnlichen Tat folgte eine Auszeichnung oder ein Karrieresprung. Ludwig Blenker war dabei nach Franz Sigel der zweite Deutsche, der den Rang eines Brigadegenerals der Nordstaaten führen durfte. Doch damit nicht genug. Auf Betreiben seines Vorgesetzten, General George Brinton McClellan, Oberbefehlshaber der Potomacarmee und Förderer von Blenker, wurde ihm nur kurze Zeit später das Kommando einer Division angeboten. Das Ungewöhnliche daran war allerdings, dass fast alle 15 Regimenter aus eingewanderten Europäern bestand. Die Division in einer Stärke von über 10.000 Mann wurde fälschlicherweise als „deutsche“ Einheit bezeichnet, obwohl zahlreiche Russen, Dänen, Italiener, Schweden und natürlich auch Angloamerikaner ihre Reihen füllten. Der ganze Norden war begeistert. Unter den Soldaten und Offizieren befanden sich zahlreiche Berufssoldaten, die bereits in Europa gedient und gekämpft hatten. Ludwig Blenker legte ganz besonderen Wert auf das Zuschautragen soldatischer Normen. Die Männer waren hervorragend uniformiert und die Offiziere glänzten stolz in ihren bunten Waffenröcken. General Blenker nutzte nun die Zeit bis zum Frühjahr 1862 damit, im Lager Hunters Chapel, ganz in der Nähe von Washington, seine Soldaten zu drillen. Fast täglich erschienen Vertreter aus Politik und Militär, um sich einen Überblick vom Ausbildungsstand der „Vorzeigedivision“ zu verschaffen. Während solcher Besuche, auch aus dem Weißen Haus, wurde stets opulent aufgetafelt. Die köstlichsten Speisen und nur der beste Wein. Auch die Soldaten konnten sich nach einem Ausbildungstag auf eine reichhaltige Mahlzeit freuen. Auf Anweisung General Blenkers wurden die Männer seiner Division mit Schwarzbrot verköstigt, obwohl das Reglement der Unionsarmee die Verpflegung mit Weizenbrot vorsah. Abends veranstaltete man Offiziersbälle, um den Offizieren und geladenen Gästen trotz eines herrschenden Bürgerkrieges den Aufenthalt in der Armee so angenehm wie möglich zu gestalten. Wein, Sekt und Bier flossen reichlich, so dass sich neben der ausgelassenen Stimmung langsam auch ein wenig Ärger bei einigen Beobachtern breit machte. In der Zwischenzeit hatte General Blenker seinen Offiziersstab gewaltig vergrößert. Mittlerweile gehörten dem fast 70, zum großen Teil adlige Offiziere an, die sich auf Grund irgendwelcher Verbindungen zum General Blenker nun in seiner Division wieder fanden. Selbst ein angereister Prinz aus Deutschland, Felix Salm, erhielt einen Platz in der Division und wurde kurze Zeit darauf Stabschef. Die Kosten für die Verpflegung und Ausbildung der Division waren gewaltig. Allein für die regelmäßig durchgeführten Saufgelage verprasste der Quartiermeister etwa 7000 Dollar im Monat. Ludwig Blenker, der ehemalige Revolutionär aus Deutschland, hatte sich weit von seinen Idealen entfernt. Und tatsächlich betrachteten zahlreiche ehemalige Mitstreiter und 48er ihn zunehmend mit Misstrauen und arbeiteten systematisch daran, den Helden von Bull Run zu Fall zu bringen. Im März 1862 beendete ein Marschbefehl den Zirkus, wie einige kritische Zeitzeugen das Auftreten der Division bezeichneten. Nur mit leichtem Marschgepäck ausgerüstet verließen die drei Brigaden unter den Generalen Julius Stahel, Baron Adolph von Steinwehr und Heinrich Bohlen das Ausbildungslager und marschierten nach Süden. Ziel war eine feindliche Armee unter dem bereits legendären „Stonewall“ Jackson, der mit seinen Männern sein Unwesen in den Gebirgsketten des Shenandoah trieb. Die Division Blenker, die freudig und unter dem Beifall der Bevölkerung ihr Lager verlassen hatte, sollte ein Fiasko erwarten. Nur unzureichend versorgt, gab es innerhalb kurzer Zeit zahlreiche Ausfälle. Am 15. März erreichte der so genannte „Todesmarsch“ seinen traurigen Höhepunkt. Die Soldaten mussten den Shenandoah Fluss überqueren, wobei ein Floss kenterte und 58 Soldaten des 75. Pennsylvania Regimentes mit in den Tod riss. Nach fast 800 Kilometern trafen die Soldaten in der Nähe von Cross Keys ein, um sich hier am 8. Juni eine Schlacht mit den hochmotivierten Rebellen unter General „Stonewall“ Jackson zu liefern. Zu den etwa 4000 Ausfällen, die die Division während des dreimonate langen Marsches hinnehmen musste, kamen noch 482 verletzte oder getötete Soldaten, während der verlorenen Schlacht. Die Historiker sind sich nicht ganz einig, ob die Niederlage auf das zu frühe Vorgehen des deutschen 8. New Yorker Regimentes zurückzuführen ist oder auf das Versagen des Oberkommandierenden, General John C. Fremont. Tatsache ist, dass es eine exakte Absprache zwischen den Generalen Blenker und Fremont nicht gegeben hat. Die Unionspresse war während des Marsches der Division fleißig damit beschäftigt gewesen, alle möglichen Anschuldigungen gegenüber General Blenker zu sammeln. Seinem Vorgesetzten, General Fremont, war das nicht entgangen, so dass dieser nach Eintreffen der Division eine Absprache mit den Offizieren zur geplanten Schlachttaktik weitestgehend unterließ. Die vorgetragenen Anschuldigungen hinsichtlich seiner Verschwendung von Steuergeldern und der unangemessenen Prunksucht hatten mittlerweile prächtige Früchte getragen. Einen wesentlichen Beitrag sollten dabei deutsche Demokraten leisten, die nahezu jeden Schritt General Blenkers und seiner Division beobachteten und kritisch kommentierten. Unter diesem massiven Druck verließ General Blenker am 23. Juni 1862 seine vielgeliebte Division und reiste nach Washington. Hier musste er sich vor dem Kriegsministerium verantworten und Stellung gegenüber den zahllosen Anschuldigungen beziehen. Blenkers Stern des Erfolges begann zu sinken. Niemand konnte ihm persönliches Versagen vorwerfen. Zu viele Personen waren in alle Ereignisse verstrickt, Blenker genoss seine Popularität und ließ stets Großzügigkeit walten, die ihm nun zum Verhängnis wurde. Positionen unter seinem Kommando wurden missbraucht, für die er letztendlich Verantwortung zeichnete. Schließlich ergab sich der ehemalige Revolutionär und General der Nordstaaten dem permanenten Druck und reichte seinen Rücktritt ein. Einige Historiker, die sich zu sehr von seinen Kritikern beeinflussen ließen, behaupteten später, er sei unehrenhaft aus der Armee entlassen worden. Tatsächlich geschah dies ehrenhaft und auf seinen eigenen Wunsch am 31. März 1863. Eine viel versprechende Karriere fand damit ihr Ende. Ludwig Blenker zog sich daraufhin auf sein Anwesen in Rockland County zurück. Verkraftet hat er diesen Rückschlag nie. Hinzu kamen die Schmerzen einer Verletzung, die er sich durch den Sturz vom Pferd während des Feldzuges vom Frühjahr 1862 zugezogen hatte. Der alte Haudegen und Revolutionär war zum menschliches Wrack abgemagert und starb am 31. Oktober 1863 im Alter von 50 Jahren. Sein Generalsgehalt und die Pensionierung reichten nicht aus, um ihm ein würdevolles Begräbnis zu ermöglichen. Seine Witwe bemühte sich im Freundeskreis um finanzielle Unterstützung, so dass tatsächlich durch die Spenden ehemaliger Kameraden und Freunde eine angemessene Beerdigung ermöglicht werden konnte. Der Krieg verlangte stetig nach neuen Helden und vergaß all diejenigen, die nicht mithalten konnten. Anfangs von einer Welle des Erfolges getragen, musste Ludwig Blenker nach dem Versagen seiner Division das Feld zugunsten anderer Emporkömmlinge räumen. Einer von ihnen, der Landsmann Franz Sigel, trat in seine Fußstapfen und übernahm die Regimenter seiner Division im Juni 1862. Auch ihm war trotz eines verheißungsvollen Starts kein glückliches Ende vergönnt.

 

Dem Vormarsch der Division Blenker fielen bald zahlreiche Soldaten zum Opfer. Nur unzureichend versorgt, schleppte sich die Truppe nach Süden, um sich hier eine Schlacht mit den Konföderierten zu liefern.

 

 

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