That’s the great Blenker

Die Geschichte einer “europäischen” Division im Amerikanischen Bürgerkrieg 1861-1865.

Die Geschichte einer “europäischen” Division im Amerikanischen Bürgerkrieg 1861 bis 1865, die nur wenige Monate Bestand hatte und aufgrund des multiethnischen Gefüges oft in den Fokus von Medien und Politik geriet. Ihr Kommandeur stammte aus Worms, war ein Berufssoldat und galt als ausgesprochener Weinliebhaber.

Ludwig Blenker kurz nach seiner Beförderung zum Brigadegeneral

 
 

Landesverteidigung hatte Priorität


Kaum ein historisches Ereignis wird in den Vereinigten Staaten mit so großem Interesse erforscht wie der Amerikanische Bürgerkrieg, der von 1861 bis 1865 im eigenen Land gewütet hat. Die Ursachen, die letztendlich im April zu offenen kriegerischen Auseinan­dersetzung führen sollten, lagen primär in den unterschiedlichen wirtschaftlichen Ver­hältnissen in Nord und Süd. Die große Rolle der Sklavenbefreiung, wie von vielen Histori­kern gern in den Vordergrund gerückt und in grandios verfilmten Romanvorlagen effekt­voll in Szene gesetzt, sollte sich in Wirklichkeit erst im Verlauf des Krieges immer deutli­cher abzeichnen. Bis Kriegsende standen sich weit über 2.200.000 Nordstaatler und ca. 970.000 Südstaatensoldaten in gnadenlos geführten Schlachten gegenüber. Nur die zah­lenmäßige Überlegenheit der Union führte schließlich im April 1865 zur Kapitulation. Zu Beginn des Krieges konnten die Südstaaten glänzende Siege erringen. Grund dafür waren einerseits die Zähigkeit und Entschlossenheit der Soldaten und die hervorragenden Kommandeure der Rebellen, die im Gegensatz zu ihrem Gegner für eine konkrete Ziel­stellung – die Verteidigung ihrer Heimat - ihr Leben riskierten. Andererseits ermöglichte die geradezu dilettantische Kriegsführung der Nordstaaten mit Beginn der Kampfhandlungen den Südstaatentruppen wesentliche strategische Vorteile, die oft mit aller Entschlossenheit ausgenützt wurden. Die moralische Pflicht zur Verteidigung der Heimat gegen einen aufmarschierten Feind war ohnehin überzeugender, als die Vorstellung für die Er­haltung der Union oder gar für die Befreiung der Sklaven sein Leben aufs Spiel zu setzen.

Jeder vierte Soldat war ein Einwanderer

Nachdem im Frühjahr 1861 auf beiden Seiten eine gewaltige Kriegsmaschinerie in Gang gesetzt worden war, strömten auch zahlreiche Emigranten, die in den Vereinigten Staa­ten eine neue Heimat gefunden hatten, zu den Waffen. Dabei lag ihre Teilnahme pro­zentual in den Regimentern des Nordens gegenüber den Einheiten in den Südstaaten deutlich höher. Statistisch betrachtet war jeder vierte Soldat der Unionsarmee nicht in Amerika geboren worden. Allein etwa 200.000 Soldaten, die bis 1865 die Reihen der Nordstaatenarmee füllten, kamen aus Deutschland bzw. den deutsch sprechenden Län­dereien. Hinzu kamen Hunderttausende mit deutschen Wurzeln aus erster Generation, deren genaue Zahl wohl nie ermittelt werden wird, vermutlich aber zwischen 300.000 und 350.000 lag. Die Nachkommen deutscher Einwanderer, die nach 1820 – erst danach wurde offiziell gezählt und nach Ethnie in den Statistiken getrennt – nach Amerika ausgewandert waren, und nun im Unionsheer kämpften, ist ebenfalls nur äußert grob und damit ungenau abzuschätzen. Ihre Zahl dürfte sicher mit 200.000 Mann nicht zu hoch gegriffen sein. Keine ethnische Gruppe stellte ein derart großes Kontingent wie die Deutschen. So ist es daher nicht verwunderlich, dass gerade zu Beginn des Krie­ges zahlreiche Einwanderer mit hohen Kommandoposten betraut wurden. Dabei hatte Präsident Abraham Lincoln nicht nur die Belohnung für ihren freiwilligen Eintritt in die Armee im Auge, sondern es war durchaus auch die dankbare Geste für eine stimmenge­wichtigen Unterstützung der Deutschen während der Präsidentschaftswahl von 1860.

Ludwig Blenker macht Karriere

Im April 1861 sprach ein hochgewachsener, charismatischer Mann mit starkem süddeut­schen Akzent vor, der nach der Organisation eines Freiwilligenregimentes die Anstellung eines Obersten ersuchte. Ludwig Blenker, ein 47-jähriger Geschäftsmann und ausgespro­chener Weinliebhaber aus der Nähe von New York, konnte zahlreiche deutsche Lands­leute im neu gebildeten 8. New Yorker Freiwilligenregiment werben, die sich unter das Sternenbanner der Union stellen wollten. Ludwig Blenker stammte aus Worms, wo er am 31. Juli 1812 mit Namen Johann Ludwig Arthur als Sohn eines Möbelschreiners geboren worden war. In seiner Geburtsstadt besuchte er das Gymnasium. Nach seiner Lehre in dem Juweliergeschäft seines Onkels in Kreuznach schloss er sich 1832 der 3.500 Mann starken bayerischen Legion an, diente in dem prächtig ausgestatteten Ulanenregiment und begleitete den bayerischen Kronprinz Otto (1815-1867) nach Griechenland, wo dieser gemäß einer Vereinbarung der europäischen Großmächte, den Thron bestieg (daher rühren auch die Nationalfarben Griechenlands: blau und weis). 1837 nahm Ludwig Blenker mit zahlreichen Auszeichnungen versehen, seinen Abschied und kehrte zurück in seine Heimat. Nach einer kurzen Studienzeit (Medizin) in München, ließ sich Blenker schließlich wieder in Worms nieder, um seiner großen Leidenschaft als Weinhändler nachzugehen und damit auch dem Wunsch des Vaters zu entsprechen. Nachdem im Jahre 1848 die revolu­tionären Unruhen auch Deutschland erfasst hatten, wechselte Ludwig Blenker zu den Freischärlern und wurde einer ihrer Kommandeure. Mit Beginn der Feldzüge lernte er seine spätere Frau Elise kennen, eine 24 jährige energische Patriotin und Tochter eines Pastors aus Köthen, die ihn fortan tatkräftig bei allen Unternehmungen begleiten sollte. Ludwig Blenker zeichnete sich insbesondere durch seine martialische Erscheinung aus, die später im Amerikani­schen Bürgerkrieg ein wesentlicher Bestandteil seines Führungsstiles werden sollte. Mit der Niederschlagung der Revolution in Deutschland 1849 flüchtete das junge Ehepaar an­fangs in die Schweiz, um im Jahr 1850 schließlich nach Amerika auszuwandern. Ludwig Blenker gehörte somit zu den etwa 4000 deutschen Revolutionären, die nach 1849 ihren Weg in die verheißungsvolle neue Welt finden sollten. Als frischgebackener Regimentskommandeur im Rang eines Obersten in der Unionsarmee wurde er bereits im Juni 1861 mit der Füh­rung einer Brigade betraut. Damit kommandierte Ludwig Blenker fünf Regimenter in ei­ner Stärke von etwa 5000 Soldaten.


General Ludwig Blenker

Niederlage war Erfolg für Blenker

Am 21. Juli 1861 kam es zur ersten großen Feldschlacht des Krieges. Ganz in der Nähe von Washington hatten zahlreiche Zivilisten den schönen Tag dahingehend genutzt, Zeuge einer ersten militärischen Auseinandersetzung werden zu können. Mit Spannung erwar­tete man auf den Anhöhen in der Nähe des kleinen Flusses Bull Run den Beginn der Schlacht. Nachdem die Regimenter aufmarschiert waren, eröffneten die feindlichen Truppen ein zügelloses Feuer. Von panischem Schrecken ergriffen, flüchteten die far­benfrohen Einheiten der Union zurück in Richtung Washington. Zwischen die zurückströ­menden Soldaten mischten sich immer wieder Frauen und Kinder, die gemeinsam mit ihren Männer und Vätern den Rückzug der Soldaten blockierten. Eigentlich hatte man einen glänzenden Sieg erwartet. Stattdessen suchte ein jeder sein Heil in der Flucht. Oberst Blenker sicherte dabei so gut es ging den Rückzug der Unionsarmee und konnte mit einer völlig intakten Brigade am nächsten Tag in Washington einmarschieren. Trotz der eindeutigen Niederlage wurde die Truppe euphorisch gefeiert und überall sprachen die herbeigeeilten Bürger vom „great Blenker“, der zwar keinen Sieg vorzuweisen hatte, aber dafür eine überzeugende Parade seiner gut ausgebildeten Soldaten zur Schau trug. Die Sensationslust der Bevölkerung war damit fürs erste gestillt. Für seinen Einsatz während der verlorenen Schlacht am Bull Run aber vielleicht auch wegen seines gera­dezu theatralischen Einmarsches in Washington wurde Ludwig Blenker am 9. August 1861 mit dem Generalsstern belohnt. Beförderungen waren zum damaligen Zeitpunkt an der Tagesordnung. In vielen Fällen spielten politische Verbindungen in die höchsten Kreise der Politik eine wesentliche Rolle, und entschieden oft genug darüber, ob eine Beförderung erfolgte oder nicht. Ludwig Blenker war dabei nach Franz Sigel der zweite Deutsche, der den Rang eines Brigadegenerals der Nordstaaten führen durfte.

Blenker errichtet eigene Division

Doch damit nicht genug. Auf Betreiben seines Vorgesetzten, General George Brinton Mc­Clellan, Oberbefehlshaber der Potomacarmee und Förderer von Blenker, wurde ihm nur kurze Zeit später das Kommando einer Division angeboten. Das Ungewöhnliche in der militärischen Gruppierung bestand allerdings darin, dass fast alle 13 Regimenter und 3 Artilleriebatterien aus eingewanderten Europäern bestanden. Die Division in einer Stärke von über 10.000 Mann wurde fälschlicherweise als „deutsche“ Einheit bezeichnet, obwohl zahlreiche Italiener, Russen, Dänen, Schweizer, Ungarn, Franzosen, Spanier, Portugiesen, Schweden und natürlich auch Angloamerikaner ihre Reihen füllten. Selbst Männer aus Chile und Argentinien dienten in den Kompanien dieses multiethnischen und polyglotten Verbandes. Der ganze Norden war begeistert. Unter den Soldaten und Offizieren befanden sich zahlreiche Berufssoldaten, die bereits in Europa gedient und an verschiedenen militärischen Konflikten teilgenommen hatten.

Die Division unter Brigadegeneral Ludwig Blenker gliederte sich Anfang Juni 1862 wie folgt:

1. Brigade unter Brigadegeneral Julius Stahel

8. New Yorker Regiment – First German Rifles - unter Oberst Franz Wutschel (nahezu 100% Deutsch)

39. New Yorker Regiment – Garibaldi Guard - unter Oberst Frederick G. D'Utassy (ca. 50% Deutsch)

41. New Yorker Regiment – deKalb Regiment - unter Oberst Leopold von Gilsa (nahezu 100% Deutsch)

45. New Yorker Regiment – Fifth German Rifles - unter Oberst Georg von Amsberg (nahezu 100% Deutsch)

27. Pennsylvania Regiment – Washington Brigade - unter Oberst Adolph Buschbeck; Oberstleutnant Lorenz Cantador (nahezu 100% Deutsch)

2. New Yorker Artillerie Batterie – Blenkers Battery - unter Hauptmann Ludwig Schirmer (ca. 80% Deutsch)

2. Brigade unter Oberst Johann von Koltes (temporär unter Brigadegeneral Adolph von Steinwehr)

29. New Yorker Regiment – Astor Rifles - unter Oberst Clemens Soest (nahezu 100% Deutsch)

68. New Yorker Regiment – Second German Rifles - unter Oberst Robert Bedge (ca. 60% Deutsch)

73. Pennsylvania Regiment – Pennsylvania Legion - unter Oberstleutnant Gustav A. Mühleck (ca. 90% Deutsch)

13. New Yorker Artillerie Batterie Baker's brigade battery - unter Hauptmann Julius Dieckman (ca. 70% Deutsch)

3. Brigade unter Brigadegeneral Heinrich Bohlen

54. New Yorker Regiment – Schwarze Jäger - unter Oberst Eugene A. Kozlay (ca. 90% deutsch)

58. New Yorker Regiment – Polish Legion - unter Oberst Wladimir Krzyzanowski (ca. 70% Deutsch)

74. Pennsylvania Regiment – German Regiment - unter Oberstleutnant Johann Hamm (nahezu 100% Deutsch)

75. Pennsylvania Regiment unter Oberst Franz Mahler (nahezu 100% Deutsch)

Bat. I des 1. New Yorker Artillerieregimentes – Morgans Light Artillery - unter Hauptmann Michael Wiedrich (nahezu 100% Deutsch)

4. New Yorker Kavallerie - German Cavalry-  unter Oberst Christian F. Dickel (ca. 90% Deutsch)

bohlen

Wilhelm Heinrich Carl Bohlen wurde am 22. Oktober 1810 in Bremen geboren. Sein Vater war ein erfolgreicher Unternehmer und Inhaber des Handelshauses B. und J. Bohlen mit amerikanischer Staatsbürgerschaft, der sich mit seiner Frau gerade auf Erholungsurlaub in Europa aufhielt. Er schickte seinen Sohn an die angesehenen Militärakademien des Landes. Im Jahre 1832 nahm Heinrich als Adjutant des Generals Étienne-Maurice Gérad (1773-1852) an der Belagerung von Antwerpen am 23. Dezember teil*. Wenige Jahre später, 1833, beorderte ihn der Vater zurück nach Amerika. Hier heiratete er am 23. Mai die Tochter des erfolgreichen Weinhändlers und Kaufmanns John Joseph Borsie (1776-1834). Heinrich übernahm die Geschäfte des Vaters und führte das Unternehmen erfolgreich unter dem Namen Henry Bohlen and Company weiter. Bohlen zeigte sich dem Militär zeitlebens stark verbunden, und im Jahre 1836 organisierte er die Washington Garde in Washington. Die Einheit stattete Bohlen mit eigenen finanziellen Mitteln aus. Von 1843 bis 1846 fungierte Heinrich Bohlen als Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft. Im Krieg gegen Mexiko 1846-48 diente Bohlen als aide-de-camp unter General William Jenkins Worth, mit dem er persönlich befreundet war. Bohlen nahm unter seinem Kommando an verschiedenen Schlachten teil, darunter Cerro Gordo (18. April 1847) und Chapultepec (12. und 13. September 1847). Heinrich Bohlen stand unter dem Befehl von General Winfield Scott und zog schließlich mit dem Oberkommandierenden in Mexiko City ein. Nach dem Krieg gegen Mexiko zog sich Bohlen wieder in's Privatleben zurück. Am 24. September 1851 starb seine Frau Emily Marie im Alter von 39 Jahren in Paris. Aus der ersten Ehe waren insgesamt fünf Kinder hervorgegangen. Bohlen nahm aktiv am Krimkrieg 1854 bis 1856 auf Seiten der französischen Armee teil. Ständig pendelte er zwischen Europa und Amerika. Am 27. April 1858 heiratete Heinrich Bohlen die jüngere Schwester seiner verstorbenen Frau: Sophie Eliza, geborene Borie (1813-1882) während eines Aufenthaltes in Holland. Mit Beginn des US-Bürgerkrieges organisierte Heinrich Bohlen das 75. Infanterieregiment aus Pennsylvania, wiederum aus eigenen finanziellen Mitteln. Die Einheit bestand nahezu vollständig aus eingewanderten Deutschen. Am 28. April 1862 wurde Heinrich Bohlen zum Brigadegeneral ernannt. Bohlen war für seine Freundlichkeit und Großzügigkeit bekannt. Er richtete sich im Felde stets großzügig ein, um Gäste angemessen empfangen zu können. Dabei sei sein Verhalten keineswegs sybaritisch gewesen, so Prinzessin Agnes Salm-Salm, die Heinrich Bohlen persönlich sehr schätzte. General Bohlen fiel am 22. August 1862 bei dem Versuch, die eigenen Truppen zu reorganisieren am Rappahannock Fluss, Virginia, einem konföderierten Scharfschützen zum Opfer. Obwohl Heinrich Bohlen sowohl in Amerika als auch in Deutschland viele Jahre seines Lebens zugebracht hatte, war er den Deutschen in der neuen Heimat besonders tief verbunden. Seine zweite Frau Sophie Eliza fand ihre letzte Ruhe auf dem Familienfriedhof des Laurel Hill Cemetery, Philadelphia. Ihr im Bürgerkrieg gefallener Ehemann wurde im Jahre 1924 in das gemeinsame Grab umgebettet.
*Der Belagerung Antwerpens war die Belgische Revolution von 1830 (Unabhängigkeitskrieg) vorangegangen, nachdem die Separationsbestrebungen katholischer Bevölkerungsgruppen der südlichen Niederlande von dem nach 1815 neu geschaffenen Vereinigten Königreiches der Niederlande in Gewalt umgeschlagen war. Im Ergebniss kam es zur Abspaltung flämischer und wallonischer Provinzen und zur Gründung von Belgien. Während einige europäische Großmächte den neuen Staat anerkannten (darunter England), schickten andere Herrscher ihre Truppen, um die eigenen Interessen (z.B. Personalunionen) im Land zu sichern. Der französiche General Gérad verteidigte dabei im Dezember 1832 erfolgreich die Zitadelle von Antwerpen gegen niederländische Invasionstruppen unter General David Hendrik Chassé (1765-1849), der mit aller Gewalt die Befehle seines Niederländischen Königs Wilhelm I. ausführen sollte.

Blenkers „Prunksucht“

Ludwig Blenker legte ganz besonderen Wert auf das Zuschautragen soldatischer Normen. Die Männer waren hervorragend uniformiert und die Offiziere glänzten stolz in ihren bunten Waffenröcken. Er selbst bevorzugte einen Waffenrock nach preußischem Schnitt und trug am liebsten einen grauen Waffenrock und ein rotes französisches Käppi. Prinzessin Agnes Salm-Salm war oft zu Gast bei Blenker und freundete sich im Laufe der Zeit mit dem alten Revolutionär an. In ihren Lebenserinnerungen, die oft stark überzeichnet waren und die Handschrift einer jungen, noch unerfahrenen Frau trugen, beschrieb sie ihn unter anderem wie folgt: "Er hatte schöne blaue Augen, eine wohlgeformte gerade Nase, großen Schnurrbart, welcher seinen Mund verdeckte, und bräunliches, mit Grau gemischtes Haar, welches er so kurz als nur immer möglich geschnitten trug. In all seinen Bewegungen war er sehr stattlich, vielleicht ein wenig theatralisch und dadurch zum Lächeln reizend. Selbst in lustiger Gesellschaft und zu Hause bewahrte er diese gemessene Würde. Gegen Damen war er sehr galant, und wenn er mit ihnen sprach, strahlte sein Gesicht von herzlicher und ehrlicher Freundlichkeit. Er konnte indessen sehr böse aussehen und seine Stimme wurde zum Brüllen, wenn zornig, und seine Rede, die in der Unterhaltung mit Damen stets etwas gesucht höflich war, wurde erschreckend rüde. Die Offiziere seines Stabes fürchteten sehr seine Wuthanfälle [sic], denn er wog seine Worte keineswegs ab und besonders nicht gegen seine Adjutanten, die er schon seit Jahren von New York her kannte".  General Blenker nutzte nun die Zeit bis zum Frühjahr 1862 damit, im Lager Hunters Chapel, Fairfax County, Virginia, ganz in der Nähe von Washington, seine Soldaten zu drillen. Fast täglich erschienen Vertreter aus der Politik, den Medien und dem Militär, um sich einen Überblick vom Ausbildungsstand der „Vorzeigedivision“ zu verschaffen. Während solcher Besuche – selbst Regierungsvertreter aus dem Weißen Haus waren oft zu Gast - wurde stets opulent aufgetafelt. Die köstlichsten Speisen und nur der beste Wein. Auch die Soldaten konnten sich nach einem Ausbildungstag auf eine reichhaltige Mahlzeit freuen. Auf Anweisung General Blenkers und dessen Quartiermeis­ters Dr. Karl Schütte, einem ehemaligen 48er aus Wien, wurden die Männer seiner Division mit Schwarzbrot verköstigt, ob­wohl das Reglement der Unionsarmee die Verpflegung mit Weizenbrot vorsah. Abends veranstaltete man Offiziersbälle, um den Offizieren und geladenen Gästen trotz eines herrschenden Bürgerkrieges den Aufenthalt in der Armee so angenehm wie möglich zu gestalten. Wein, Sekt und Bier flossen reichlich, so dass sich neben der ausgelassenen Stimmung langsam auch ein wenig Ärger bei einigen Beobachtern breit machte. In der Zwischenzeit hatte General Blenker seinen Offiziersstab gewaltig vergrößert. Mittlerweile gehörten dem über 50, zu einem guten Teil adlige Offiziere an, die sich auf Grund nebu­löser Beziehungen und Bekanntschaften zum General Blenker nun in seiner Division wieder fanden. Selbst ein angereister Prinz aus Deutschland, Prinz Felix Salm-Salm, er­hielt einen Platz in der Division und wurde kurze Zeit darauf Stabschef. Die Kosten für die Verpflegung und Ausbildung der Division waren gewaltig. Allein für die regelmäßig durchgeführten Saufgelage verprasste der Quartiermeister bis zu 7000 Dollar im Monat. Ludwig Blenker, der ehemalige Revolutionär aus Deutschland, hatte sich weit von seinen Idealen entfernt. Und tatsächlich betrachteten zahlreiche ehemalige Mitstreiter und 1848er ihn zunehmend mit Misstrauen und arbeiteten systematisch daran, den Helden von Bull Run zu Fall zu bringen.

Verlustreicher Feldzug

Im März 1862 beendete ein Marschbefehl den „Zirkus“, wie einige kritische Zeitzeugen das Auftreten der Division bezeichneten. Nur mit leichtem Marschgepäck ausgerüstet verließen die drei Brigaden unter den Generalen Julius Stahel, Baron Adolph von Stein­wehr und Heinrich Bohlen das Ausbildungslager und marschierten nach Süden. Ziel war eine feindliche Armee unter dem bereits legendären konföderierten General „Stonewall“ Jackson, der mit seinen Männern sein Unwesen in den Gebirgsketten des Shenandoah trieb. Die Division Blenker, die freudig und unter dem Beifall der Bevölkerung ihr Lager verlies, sollte ein Fiasko erwarten. Nur unzureichend versorgt, gab es innerhalb kurzer Zeit zahlreiche Ausfälle. Am 16. April erreichte der so genannte „Todesmarsch“ seinen traurigen Höhepunkt. Die Soldaten mussten den Shenandoah Fluss überqueren, wobei ein Floß kenterte und 58 Soldaten des 75. Pennsylvania Regimentes mit in den Tod riss. Nach fast 500 Meilen trafen die Soldaten in der Nähe der Ortschaft Cross Keys, Virginia ein, um sich hier am 8. Juni eine Schlacht mit den hoch motivierten Rebellen unter General „Stonewall“ Jackson zu liefern. Zu den etwa 4000 Ausfällen, die die Divi­sion während des Dreimonate langen Marsches hinnehmen musste, kamen noch 482 verletzte oder getötete Soldaten, während der verlorenen Schlacht. Die Historiker sind sich nicht ganz einig, ob die Niederlage auf das zu frühe Vorgehen des deutschen 8. New Yorker Regimentes zurückzuführen ist oder auf das Versagen des Oberkommandieren­den, General John C. Fremont. Tatsache ist, dass es eine exakte Absprache zwischen den Generalen Blenker und Fremont nicht gegeben hat. Eine Brigade der Blenkerschen Division ist während der Schlacht überhaupt nicht zum Einsatz gekommen! Die Unionspresse war während des Marsches der Division fleißig damit beschäftigt gewesen, alle möglichen Anschuldigungen gegenüber General Blenker zu sammeln. Seinem Vorgesetzten, General Fremont, war das nicht entgangen, so dass dieser nach Eintreffen der Division eine Absprache mit den Offizieren zur geplanten Schlachttaktik weitestgehend unterließ. Die vorgetragenen An­schuldigungen hinsichtlich seiner Verschwendung von Steuergeldern und der unange­messenen Prunksucht hatten mittlerweile prächtige Früchte getragen. Einen wesentlichen Beitrag sollten dabei deutsche Demokraten leisten, die nahezu jeden Schritt General Blenkers und seiner Division beobachteten und kritisch kommentierten. Nach der verlorenen Schlacht bei Cross Keys kam es zum Zerwürfnis mit einigen seiner Brigadekommandeuren. General Bohlen wendete sich von ihm ab und bat um Versetzung seiner Brigade, die unter General Schurz eingesetzt werden sollte. Wutendbrannt über die Haltung seiner Untergebenen verließ er die Front, um in Washington für Klarheit zu sorgen. 

Blenker gibt auf – das Ende der Division

Auch unter massiven medialen und politischen Druck verließ General Blenker am 17. Juni 1862 seine vielgeliebte Division und reiste in die Bundeshauptstadt. Hier musste er sich vor dem Kriegsministerium ver­antworten und Stellung gegenüber den zahllosen Anschuldigungen beziehen. Gleichzeitig protestierte Blenker gegen die Pläne seiner Vorgesetzten, die praktisch einer Auflösung der Division gleichkamen. Selbst einflussreiche Generale wie Franz Sigel hatten sich inzwischen von Blenker distanziert, der dessen Generalstab mehr als einmal als "Schwindelgesellschaft" und "Bande" bezeichnete. Blenkers Nominierung zum Brigadegeneral wurde nach dem Bekanntwerden der Korruptionsvorwürfe erst im zweiten Anlauf bestätigt. Nun reihte er sich ein in die lange Warteschleife der Aspiranten, die auf Postensuche in Washington sich die Türklinke in die Hand drückten. Blenkers Stern des Erfolges begann zu sinken. Niemand konnte ihm persönliches Versagen vor­werfen.An persönlichem Mut und Tapferkeit mangelte es ihm in Angesicht einer Schlacht nicht. Aber zu viele Personen waren in all jene Ereignisse verstrickt, die ihm letztenendes das Genick brechen sollten. Blenker genoss seine Po­pularität und ließ stets Großzügigkeit walten, die ihm nun zum Verhängnis wurde. Positi­onen unter seinem Kommando wurden missbraucht, für die er letztendlich Verantwor­tung zeichnete. Schließlich ergab sich der ehemalige Revolutionär und General der Nord­staaten dem permanenten Druck und reichte seinen Rücktritt ein. Einige Historiker, die sich zu sehr von seinen Kritikern beeinflussen ließen, behaupteten später, er sei uneh­renhaft aus der Armee entlassen worden. Tatsächlich geschah dies ehrenhaft und auf seinen eigenen Wunsch am 31. März 1863, nachdem alle Proteste und Drohungen ergebnislos verhallt waren. Eine vielversprechende Karriere fand damit ihr Ende. Angeblich soll ihm in Washington das Kommando über einen weitaus kleineren Verband in Aussicht gestellt worden sein. Allein aus gekränkter Eitelkeit lehnte Blenker diese Option kathegorisch ab. Allerdings gibt es auch Idizien dafür, dass Blenker wegen Unterschlagungen und Veruntreuung der Prozess gemacht werden sollte. Zumindet laß es sich so in Zeitungsberichten, die bereits im März 1863 in diese Richtung spekulierten. Möglicherweise bot ihm die Regierung daraufhin an, seine militärische Karriere nicht nur freiwillig zu beenden, sondern auf jegliche weitere Forderungen hinsichtlich seiner militärischen Verwendung zu verzichten. Im Gegenzug dafür sollte es zu keinem schmutzigen Prozess kommen. Ludwig Blenker zog sich daraufhin auf sein kleines, aber prächtig hergerichtetes Anwesen in Rockland County zurück. Das Anwesen war Anziehungspunkt für viele europäische Auswanderer, die Blenkers Generösität schätzten und in manchen Fällen auch auszunutzen verstanden. Verkraftet hat er die Zurückweisung seiner Person als militärischer Führer nie. Hinzu kamen die Schmerzen einer Ver­letzung, die er sich durch den Sturz vom Pferd während des Feldzuges vom Frühjahr 1862 zugezogen hatte. Dies führte zu schweren inneren Verletzungen, und die letzten Monate vor seinem Tod waren von schmerzhaften Husten und Krämpfen begleitet. Trotz schwerer Erkrankung spielte Blenker im Sommer 1863 tatsächlich noch mit dem Gedanken, zurück zum Militär zu kehren, verknüpft mit der unerfüllbaren Vorstellung, seine alte Division wieder zu übernehmen, die zum damaligen Zeitpunkt längst sein Widersacher, General Franz Sigel, aufgelöst hatte. Der alte Haudegen und Revolutionär war zum menschlichen Wrack abgemagert und starb schließlich am 31. Oktober 1863 im Alter von 50 Jahren auf seiner Farm in Sparkill, Rockland County, New York. Sein Generalsgehalt und die Pensionierung in Höhe von $ 50,00 reichten nicht aus, um ihm ein würdevolles Begräbnis zu ermögli­chen. Seine Witwe Elise, einstige aktive Weggefährtin des alten Revolutionärs in Deutschland, bemühte sich im Freundeskreis um finanzielle Unterstützung, so dass tat­sächlich durch die Spenden ehemaliger Kameraden und Freunde eine angemessene Be­erdigung ermöglicht werden konnte. Blenker hinterließ vier Kinder, einen Sohn und drei Töchter. Die Familie verlor in einem nervenzehrenden Prozess den gesamten Besitz, der schließlich im Frühjahr 1866 zum Verkauf angeboten wurde. Seine Frau Elise starb im Jahr 1908. Der Krieg verlangte unentwegt neue Helden und vergaß all diejenigen, die nicht mithalten konnten und dem enormen Erfolgsdruck nicht gewachsen waren. Anfangs von einer Welle des Erfolges getragen, musste Ludwig Blenker nach dem Versagen seiner Division das Feld zugunsten anderer Empor­kömmlinge räumen. Einer von ihnen, der Landsmann Franz Sigel, trat in seine Fußstap­fen und übernahm die Regimenter seiner Division im Juni 1862. Aber auch General Sigel war trotz eines verheißungsvollen Starts kein glückliches Ende vergönnt. Anfangs komman­dierte er das I., später das XI. Unionscorps, welches sich gut zur Hälfte aus deutschen Einwanderern rekrutierte. Ständige Intrigen mit der US-amerikanischen Generalität zwangen General Sigel schließlich zum Rücktritt. Nach mehrfachen erfolglosen Rücktritts­ersuchen verließ er im Mai 1865 endgültig die Unionsarmee.

 

Dem Vormarsch der Division Blenker fielen bald zahlreiche Soldaten zum Opfer. Nur unzureichend versorgt, schleppte sich die Truppe nach Süden, um sich hier eine Schlacht mit den Konföderierten zu liefern.

 

 

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