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Tim Engelhart
Auf der
Suche nach einer neuen Heimat - Deutsche Auswanderer

Die Überfahrt von Europa nach Amerika war
mit großen Schwierigkeiten und Gefahren verbunden. Links
zeigt das Gemälde des deutschstämmigen Künstlers Hubert von
Herkomer (1849 - 1914) die nahezu unerträglichen
Verhältnisse auf Deck eines Auswandererschiffes. Das Bild
stammt aus dem Jahre 1884. Nicht alle schafften es, nach
Amerika zu gelangen. Das rechte Bild (Wien, 1858) von Joseph
Carl Püttner (1821 - 1881) zeigt den Untergang der Austria. Das Schiff
befand sich auf seiner dritten Reise von Hamburg nach New
York, als es am 13. September 1858 mit 538 Passagieren an
Bord sank. Nur 89 Menschen überlebten die Katastrophe.
Geblieben ist
mehr als nur die Erinnerung – Deutsche Auswanderung nach
Nordamerika
Die Geschichte der
Auswanderung – wissenschaftlich als Migration bezeichnet –
ist viel zu komplex, um hier umfassend dargestellt werden zu
können. Das kann auch nicht Inhalt der nachfolgenden
Zusammenfassung sein, die lediglich als Überblick dienen
soll. Mit der Entdeckung der „Neuen Welt“ wurde erstmals für
die einfache Bevölkerung die konkrete Möglichkeit
geschaffen, ihr karges Leben in Europa gegen das
risikobehaftete Streben nach Selbstentfaltung in den noch
unerforschten Länderein des amerikanischen Kontinents zu
tauschen. Die systematische Auswanderung deutscher Siedler
ist seit Oktober 1608 in die Regionen um Jamestown,
Virginia, dokumentiert. Grundsätzlich sind dabei
quantitative Strömungen in Abhängigkeit zeitgenössischer
Realsituationen zu beobachten, die wiederum in ihrer
Kontinuität starken Schwankungen unterworfen waren.
Im
17.
Jahrhundert
überwogen religiös geprägte Motivationen ausreisewilliger
Deutscher die Entscheidung, ihre Heimat zu verlassen. In
unmittelbarem Zusammenhang mit den furchtbaren Auswirkungen
des Dreißig Jährigen Krieges (1618 – 1648) und der nahezu
auf die Hälfte (von etwa 21 Mio. auf 13 Mio.) dezimierten
Bevölkerung in Europa, wuchs bei vielen Deutschen der Wunsch
zur Auswanderung. Durch zahlreiche weitere kriegerische
Auseinandersetzungen wurde ihnen jedoch das Verlassen
Europas signifikant erschwert. Am 6. Oktober 1683 erreichten
schließlich 33 Mennoniten aus Krefeld die Neue Welt, wo sie
herzlich von Franz Daniel Pastorius, einem Gelehrten aus
Franken, und William Penn, der englische Begründer der
Quäkerauswanderung, begrüßt wurden. Mit diesem historischen
Datum wurde der Grundstein der weiteren Auswanderungen
großer deutscher Bevölkerungsteile gelegt. In der Nähe von
Philadelphia gründeten die deutschen Einwanderer die Stadt
Germantown. Ihnen folgten in den nächsten Jahrzehnten
weitere Deutsche, meist in kleinen Gruppen unter der Führung
englischer protestantischer Glaubensbrüder. Und so strömten
eine Vielzahl religiöser Gruppierungen in die Neue Welt, um
ihren Glauben ohne die Zwänge einer feudalistischen
Obrigkeit ausleben zu können. Die Spaltung der katholischen
Kirche brachte eine Vielzahl von protestantischen Strömungen
hervor, die sich im Wesentlichen durch die individuelle
Interpretation der Bibel mehr oder weniger voneinander
unterschieden. Da waren Mennoniten, eine sektengleiche
Vereinigung mit zutiefst pazifistischer Ausrichtung,
Rosenkreuzer, die rechtzeitig zum propagierten Weltuntergang
1694 in der Neuen Welt diesem Ereignis beiwohnen wollten und
Tunker, die sich in ihrer besonderen Vorliebe des Taufens
grundsätzlich von anderen religiösen Strömungen auf
sonderbare Weise abhoben. 1734 kamen etwa 184 Anhänger der
Lehre von Kaspar Schwenkfeld, der entgegen der Thesen seines
Zeitgenossen Martin Luther, in der biblischen Darstellung
des Abendmahls klare, unvereinbare Unterschiede in der
protestantischen Interpretation erkennen wollte. Die Liste
derer, die aus religiösen, uns heute merkwürdig anmutenden
Glaubensvorstellungen, ausgewandert waren ist riesig, und
sie ließe sich mühelos an dieser Stelle fortführen. Heute,
gut 320 Jahre nach der ersten organisierten deutschen
Einwanderungswelle, müssen wir uns nüchtern eingestehen,
dass der Bruch mit der katholischen Kirche, wie ihn Martin
Luther einst mit seinen 95 Thesen im Jahre 1517
heraufbeschwor, nicht unwesentlich zur religiösen
Inhomogenität in den Vereinigten Staaten von Amerika geführt
hat. Die Auswüchse dieser religiösen Vielfalt sind bis zum
heutigen Tage in einer deutlichen Vermischung von Politik,
Militär und Religion der amerikanischen Staatsführung und
damit zum Leidwesen der Weltbevölkerung spürbar. Eine
numerische Größenordnung der deutschen Auswanderer im 17.
Jahrhundert ist aufgrund der unvollständigen Quellenlage
nicht möglich. Es sind sicher einige Tausend gewesen und sie
bildeten nur die schwache Vorhut für die riesigen Ströme an
Auswanderern, die ihnen bald folgen sollten.
Vergangenheit und Zukunft: Links zeigt die
Skizze eine Ansicht von Krefeld um das Jahr 1730. Die ersten
Auswanderer kamen aus dieser Stadt. Rechts zeigt die
Darstellung eine frühe Ansicht von Germantown, die neue
Heimat der Auswanderer aus Krefeld.

Johann Kelpius, das Oberhaupt der
Mystiker (Rosenkreuzer), traf 1694 mit 40 Anhängern in
Philadelphia ein, um dem Untergang der Welt, und dem damit
verbundenen Millennium, beiwohnen zu können. Das Bild
fertigte Christopher Witt im Jahre 1705 an.
Im
18. Jahrhundert
erfuhr die Qualität der Auswanderer eine vorübergehende
Besonderheit, die sie grundsätzlich in zwei Kategorien
einteilte, die gegensätzlicher nicht hätten sein können. Bis
etwa zur Mitte des 18. Jahrhunderts mischten sich weiterhin
überwiegend religiös motivierte Auswanderer in ein immer
größer werdendes Heer an wirtschaftlich völlig
verzweifelter, und daher ausreisewilliger, Deutscher.
Furchtbare Hungersnöte führten zu Massenauswanderungen und
zwangen insbesondere in den süddeutschen Regionen tausende
Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat. Genährt wurde diese
Kalamität durch ständige kriegerische Auseinandersetzungen
europäischer Herrscher, die das Land in eine tiefe
wirtschaftliche Krise stürzten. Der erste große
„Massenexodus“ ereignete sich in den Jahren 1709 und 1710,
als etwa 15.000 Menschen aus der Pfalz nach Amerika
auswanderten. Interessanterweise vereinten sich in dieser
relativ großen Gruppe an Auswanderern zwei Gründe von
essentieller Bedeutung, die schließlich in der Entscheidung
zur Migration mündete. Zwischen 1688 und 1697 verwüstete der
Pfälzische Erbfolgekrieg weite Teile des Landes und
verursachte unter der Zivilbevölkerung große Not. Die
Präpotenz des französischen Herrschers, Ludwig XIV,
bedeutete für die pfälzische Landbevölkerung nicht nur den
Druck eines unerträglichen Kriegslastenausgleichs, sondern
bescherte ihnen in der Folge eine Rekatholisierung. Und als
wäre dies für die protestantischen Pfälzer nicht Strafe genug, brachte ein großflächiger
Ernteausfall 1708/1709 das Fass zum Überlaufen. Vom
Hungertod bedroht, eine nicht zu schulternde Steuerlast auf
unabsehbare Zeit vor Augen, ließ bei vielen Pfälzern den
Gedanken an ihre Auswanderung reifen. Der größte Teil der
rund 15.000 Pfälzer kam jedoch nicht weiter als nach
England. Wer sich hier nicht etablieren konnte, musste
schließlich die Rückreise nach Deutschland antreten. Unter
den wenigen, die schließlich ihre Ausreise nach Amerika
schafften, befand sich ein kleiner dreizehnjähriger Junge
namens Johann Peter Zenger (1697 – 1746), der später die
einzige Zeitung von New York herausgeben sollte und heute
als Begründer der Pressefreiheit gilt. Das von großen und
kleinen Kriegen im 18. Jahrhundert stark gebeutelte
Konglomerat deutscher Staatenvielfalt zwang viele Landsleute
zur Auswanderung. Mit Beginn der
Separationsbestrebungen der jungen britischen Kolonien in
der Neuen Welt entstand plötzlich eine völlig neue
Situation. Im Frühjahr 1776 begannen britische
Regierungsbeauftragte mit Verhandlungen anglophiler
deutscher Fürsten und Landesherren. Im Ergebnis dessen kamen
zahlreiche Subsidienverträge zustande, die schließlich zur
„Vermietung“ von etwa 30.000 deutschen Soldaten an die
britische Krone führten. Bis 1783 nahmen die deutschen
Soldaten als Söldner an den Kämpfen gegen die amerikanische
Armee unter General Washington teil. Hier standen sie nicht
selten Landsleuten gegenüber, die ihre neue Heimat mit der
Waffe in der Hand verteidigten. Etwa 8000 „gemietete“
deutsche Soldaten fielen in den Schlachten oder erlagen
ihren Verletzungen. Weitere 5000 – die Zahl kann nur
geschätzt werden – blieben jedoch in Amerika und gründeten
nach dem Krieg eine neue Existenz. Die Deutschen siedelten
in nahezu allen Teilen der damals bekannten Neuen Welt. Mit
ihrer Besonderheit der Zurückhaltung gelang es ihnen nicht,
in großer Zahl die wichtigsten Schlüsselpositionen der
jungen amerikanischen Gesellschaft zu besetzen. Mit den
ständigen kriegerischen Auseinandersetzungen in Europa, die
ihren Fokus überwiegend in deutschen Länderein hatten, riss
die kontinuierlich leicht zunehmende Zahl an deutschen
Auswanderern immer wieder ab. Dieser permanente Zustrom des
deutschen Elementes wäre in Kombination mit einer bewussten
und gewollten breiten Partizipation in politischen und
wirtschaftlichen Schlüsselpositionen die Grundlage für eine
weitestgehend deutsch geprägte Landschaft in der Neuen Welt
gewesen. Darüber sind sich mittlerweile die Historiker
einig. Einig sind sie sich aber auch darüber, dass eben
diese Entwicklung nicht stattgefunden hat. Im Jahre 1790
zählte der US - Zensus 3.9 Mio. Einwohner, darunter etwa
350.000 Deutsche. Allein etwa 130.000 von ihnen hatten im
18. Jahrhundert ihre Heimat verlassen. Ihre Zahl sollte im
nächsten Jahrhundert um ein Vielfaches überstiegen werden.
__________________________
Ein besonderes Kapitel
Deutsch - Amerikanischer Vergangenheit bilden die
Subsidienverträge deutscher Fürsten mit der britischen
Krone. Aus diesem Grund habe ich in der nachfolgenden
Zusammenstellung einige wichtige Vertreter deutscher
Landesfürsten mit kurzen Angaben zu den vermieteten Soldaten
aufgeführt, obwohl dieser Sachverhalt nur indirekt mit dem
Thema "Auswanderung nach Nordamerika" zu tun hat.
Einige
deutsche Landesfürsten, die zur Aufbesserung ihrer
Staatskassen, Soldaten für den Unabhängigkeitskrieg in Nordamerika an die
Briten vermieteten:

Markgraf Christian Friedrich Carl
Alexander von Anspach - Bayreuth (1736 - 1806)
unterzeichnete am 1. Februar 1777 einen Subsidienvertrag, der die
Vermietung von 1.160 Soldaten an die britische Krone regelte.
Tatsächlich kämpften bis 1783 2.353 Soldaten in Nordamerika,
von denen etwa die Hälfte wieder zurückkehrte.

Herzog Carl I. von Braunschweig
(1735 - 1806) unterzeichnete am 9. Januar 1776 einen Vertrag
über die Vermietung von 4.300 Mann. Bis Kriegsende 1783
stelle er schließlich 5.723 Soldaten, von denen 2.708 nach
Braunschweig zurückkehrten.

Landgraf Friedrich II. von
Hessen-Kassel (1720 - 1785) verpflichtete sich mit dem
am 15. Januar 1776 unterzeichneten Subsidienvertrag zur
Lieferung von insgesamt 12.000 Soldaten. Bis Kriegsende
kämpften schließlich etwa 19.000 hessische Soldaten in
Nordamerika, von denen 10.500 zurückkehrten.

links: Erbprinz Wilhelm IX. von Hessen
- Kassel, Graf zu Hanau (1743 - 1821), unterzeichnete am
5. Februar 1776 einen Vertrag über die Lieferung von 900
Soldaten an die britische Krone. Durch zusätzliche Verträge
kamen weitere 1.522 Soldaten nach Amerika. Insgesamt kehrten
von den 2.422 Soldaten 1.441 wieder zurück nach Deutschland.
rechts: Fürst Friedrich August von
Anhalt - Zerbst (1734 - 1793) schickte gemäß
Subsidienvertrag vom Oktober 1777 ein Regiment Infanterie in
einer Stärke von 1.228 Soldaten nach Nordamerika. 884 von
ihnen kehrten nach 1783 zurück in die Heimat.

Der zeitgenössische, kolorierte Stich
zeigt die Einschiffung deutscher Soldaten für ihre Überfahrt
nach Amerika.

Die zeitgenössische Darstellung zeigt
hessische Soldaten vom Regiment Prinz Anhalt, welches von
1777 bis 1783 in New York stationiert war. Im
Unabhängigkeitskrieg kämpften die Soldaten unter anderem bei
Brandywine und Redbank.
Das
19. Jahrhundert
begann in Europa wie gewohnt mit kriegerischen
Auseinandersetzungen. Napoleon hatte im absolutistischen
Gefüge machtverliebter Herrscher tüchtig für Unruhe gesorgt,
indem er ein gewaltiges Heer über Europa hinweg marschieren
ließ. Dieser brutale Krieg, der schließlich im
systematischen Massenmord kulminierte, brachte die
Auswanderung aus den deutschen Kleinstaaten nahezu zum
Erliegen. Den furchtbaren Verwüstungen im Land folgten
katastrophale Hungersnöte, so dass bereits 1816 / 17 die
erste Massenauswanderung im 19. Jahrhundert ihren Anfang
nahm. Bis 1818 verließen bis zu 65.000 Menschen,
hauptsächlich aus Baden, Württemberg und Mainz, ihre Heimat
und traten den gefährlichen Weg nach Amerika an. Die meisten
von ihnen verließen Europa über Holland. Auf ihrer Reise
dorthin zu Fuß hatten viele Zeit genug, um von ihrer
geliebten und zugleich verhassten Heimat, Abschied zu
nehmen. Viele besaßen nur das, was sie auf dem Leib trugen.
Ihre Ersparnisse hatten sie Werbern überlassen müssen, die
ihnen eine verheißungsvolle Zukunft in Amerika prophezeiten.
Zwischen 1820 und 1829 kamen 5.753 deutsche Auswanderer nach
Amerika. Ihnen folgten 1830 bis 1839 124.726 Menschen,
nachdem verheerende Missernten 1834 und 1836 unvorstellbares
Elend über die Bevölkerung gebracht hatte. Etwa zeitgleich
etablierten sich verschiedene Auswanderervereinigungen mit
dem Ziel, durch staatlich subventionierten Landverkauf in
Amerika deutschen Auswanderern eine neue Heimat zu bieten.
Die berühmteste Kolonie entstand auf diese Art im Jahre 1844
unter der persönlichen Führung des Grafen Carl zu
Solms-Braunsfels. Schlecht vorbereitet und mit falschen
Angaben nach Texas gelockt, endete die Unternehmung nur
kurze Zeit später fast in einem Fiasko. Andere Kolonien
widmeten sich voll und ganz höherer, visionärer Ziele. 1844
gründete der utopische Kommunist Andreas Dietsch in Missouri
die Kolonie „Neues Helvetia“, die ironischerweise unter dem
Vorzeichen eines „Tausendjährigen Reiches“ stand und bereits
ein Jahr später, 1845, scheiterte. Im darauf folgenden Jahr
starb der utopische Kommunist und Anhänger der Ideen eines Wilhelm Weitling. Nachdem das revolutionäre Aufbegehren in Europa
schließlich 1848 Deutschland erfasst hatte, schöpften viele
Landsleute Hoffnung auf eine bessere, gerechtere Zukunft.
Ihre Hoffnungen und Träume einer Demokratisierung in ihrer
Heimat, gingen jedoch ein Jahr später im Geschützfeuer
reaktionärer Militärs blutig unter. Bestürzt von den
Ereignissen flohen viele Teilnehmer gemeinsam mit ihren
Familien aus Deutschland. Unter den 976.072 deutschen
Auswanderern, die zwischen 1850 und 1859 nach Amerika
aufbrachen, befanden sich zwischen 3000 und 4000 aktive
Revolutionäre, die nun auf der Flucht waren. Vielen drohte
in der alten Heimat die Todesstrafe, andere zeigten sich
einfach angewidert von der Starrsinnigkeit der reaktionären
Regierung. Mit ihnen verließen zahlreiche Intellektuelle
ihre in Hoffnungslosigkeit gestürzte Heimat, um fortan der
jungen, aufstrebenden amerikanischen Gesellschaft zur
Verfügung zu stehen. Ein schwerer Verlust für die alte,
zurück gebliebene deutsche Heimat, die ein derartiges
„Ausbluten“ an intellektuellem Potential nur mit großer Mühe
verkraften konnte. Die Berichte und Agitationen deutscher
Akademiker im politischen Parteiensystem der Vereinigten
Staaten gaben einen Einblick in den Scharfsinn und die
Zielsicherheit bei der Verfolgung politischer Visionen.
Selbst heute, nach mehr als 140 Jahren, vermitteln die
Schriften streithafter deutscher Verfechter wie Friedrich
Hecker, Carl Schurz, Gustav Struve oder Friedrich Kapp ein
überzeugendes Bild an intellektueller und gleichzeitiger
lebendiger Demokratie, das unseren modernen Vorstellungen
der Gegenwart in nichts nachsteht. Ihr persönliches
Engagement für die Sache der Freiheit gipfelte in der
aktiven Teilnahme zahlreicher „48er“ am Amerikanischen
Bürgerkrieg 1861 bis 1865. Aber sie sollten nicht die
einzigen bleiben, die in ihrer neuen Heimat Fuß fassen
konnten. Hinzu kamen Tausende an „Wirtschaftsflüchtlingen“,
wie wir heute sagen würden. Existenzielle Not, bzw. starke
reglementierte berufliche Möglichkeiten, gebremst durch die
Ignoranz der Behörden der damaligen Zeit, zwangen viele,
darunter Persönlichkeiten vom Schlage eines Johann August
Röbling aus Mühlhausen, ihre bornierte Heimat zu verlassen.
Röbling konstruierte und leitete später bis zu seinem Tod im
Jahre 1869 den Bau der Brooklyn Bridge. Wie er verschafften
hunderte, vielleicht tausende deutschstämmige Einwanderer,
ihrer neuen Heimat einen gigantischen Vorsprung in allen
technischen, philosophischen und gesellschaftlichen
Bereichen. In der Dekade von 1880 bis 1889 erreichte die
Auswanderungswelle mit 1.445.181 Deutschen ihren absoluten
Höhepunkt. Erneut hatten wirtschaftliche Missstände dafür
gesorgt, zahlreiche Deutsche nach Amerika zu führen. Bis zur
Jahrhundertwende waren fast 5.5 Mio. Deutsche in die
Vereinigten Staaten von Amerika geströmt.

Der "Englisch - Amerikanische
Dollmetscher" [sic], herausgeben von Dr. J. Wiseman im Jahre
1860 in Ulm.

Prinz Carl zu Solms - Braunfels (1812 -
1875), einer der Verantwortlichen der gescheiterten
deutschen Kolonie in Texas.

Die Hängebrücke über den East River ging
auf die Pläne des genialen Konstrukteurs Johann A. Roebling
zurück.

Der Deutsche Albert Bierstadt (1830 in
Solingen bis 1902 in New York) malte sein
Bild "The Oregon Trail" im Jahre 1869 (links) und nährte damit unter
anderem den Traum vom grenzenlosen Leben im Westen der USA.
Rechts ist ein Bild von ihm aus dem Jahre 1868 mit dem Titel
"Lake Tahoe" zu sehen. Viele Auswanderer ließen sich speziell von solchen
Darstellungen (ver)leiten.
Im
20. Jahrhundert
zeigten sich erstmals die Schattenseiten des Zusammenlebens
in der amerikanischen Gesellschaft. Der erste Weltkrieg warf
seinen dunklen, blutigen Mantel weit über Europa hinaus auch
nach Amerika. Nachdem deutsche U-Boote ein ziviles
amerikanisches Passagierschiff versenkt hatten, brach der
Sturm der Empörung im Lande aus. Deutsche Mitbürger sahen
sich Repressalien ausgeliefert, die sich mancherorts in
Lynchmord entluden. 1917 traten die USA in den Weltkrieg
ein, nachdem in Europa die letzten Schlachten die
Landstriche und die Nationen bereits an den Rand des
menschlichen Daseins getrieben hatten. Mit dieser
legitimierten Kriegsführung, natürlich mit moralischen
Inhalt, fachten die antideutschen Ressentiments erneut mit
aller Härte auf. Deutsche Errungenschaften in Amerika wurden
im vollen Umfang zertreten und aller vorhandenen Symbolik
nationalistische und chauvinistische Stempel aufgeprägt. Die
deutsche Sprache wurde aus den Lehrplänen der Universitäten
verbannt, deutsche Städtenamen kurzerhand amerikanisiert.
Selbst unter der Berücksichtigung der sensiblen historischen
Sachlage, müssen dem aufgeklärten Zeitzeugen der Gegenwart
Parallelen mit den Ereignissen unmittelbar nach dem 11.
Septembers 2001 in den Sinn kommen. Wer erinnert sich nicht
an die geradezu lächerliche Protestaktion der amerikanischen
Politikriege, die nach der Weigerung der Franzosen, einer
militärischen Intervention im Irak zuzustimmen, die Fritten
in ihren Kantinen nun nicht mehr „french frites“ sondern „freedom
frites“ (also Freiheitsfritten. Unglaublich, oder?)
betitelten. Manches ändert sich leider nicht, oder doch
zumindest nur sehr langsam. Mit dem Beginn des blutigsten
und grausamsten Kapitels der Menschheitsgeschichte, mit der
Machtergreifung Adolf Hitlers im Jahre 1933, schwappte eine
zahlenmäßig eher bedeutungslose Gruppe deutscher Auswanderer
nach Amerika. Zwischen 1930 und 1949 kamen lediglich 236.613
Personen mit deutschem Pass über den Atlantik hinüber. Aber
ihre scheinbar zahlenmäßige Bedeutungslosigkeit wurde von
dem hohen geistigen Potential namenhafter Auswanderer
wettgemacht. Während ein Millionenvolk in geistiger
Unzurechnungsfähigkeit einem Kriegstreiber stürmischen
Beifall zollte, verließ eine kleine Elite Verfolgter die
ideologisch besetzte und mittlerweile entfremdete Heimat.
Unter ihnen Persönlichkeiten von Weltrang, etwa Albert
Einstein, Thomas Mann oder Walter Gropius. Diesem
schrecklichen Kapitel deutscher Geschichte verdankten die
Vereinigten Staaten einen weiteren Zuwachs an
außergewöhnlichen, kreativen Köpfen der Menschheit. In
151 Jahren, genauer zwischen 1820 und 1971, verließen
6.925.700 Deutsche aus den unterschiedlichen Gründen ihre
Heimat, und begannen in Amerika ein neues Leben. Damit
gehören die Deutschen noch vor den Engländern, Irländern und
Italienern zu dem größten Bevölkerungsteil, der seit 1820 eingewandert
war. Ihre Leistungen sind nicht hoch genug zu würdigen,
versucht man ein annähernd vollständiges Bild von ihnen in
der neuen Welt zu entwerfen. Ihr Wissen und ihre Taten haben
einer anfangs zahlenmäßig unbedeutenden Gruppe an Siedlern
schlussendlich zur uneingeschränkten Weltmacht verholfen.
Sie haben einen Weg in Amerika geebnet, auf dem noch heute
tagtäglich tausende Menschen hastigen Schrittes
hinwegströmen, ohne sich immer ihrer historischen Wurzeln
bewusst zu sein. Bei aller Kritik, die Amerika im Laufe
seiner Entwicklungsgeschichte immer wieder hinnehmen musste,
lässt sich dennoch eines mit Sicherheit sagen: Die Deutsche
waren und sind ein voller Erfolg für das Land. Nicht ohne
Grund titelte John C. Kornblum in dem Buch „The German
Element“ mit dem Satz: „Deutsche Einwanderer in den USA“.
Die Abwanderung und der Verlust des einen bedeuteten den
Gewinn und die Bereicherung des anderen.

Die Fotografie entstand im Jahre 1921 und
zeigt Albert Einstein (1879 in Ulm - 1955 in Princeton, New
Jersey) zusammen mit
seinem Kollegen Karl P. Steinmetz (1865 - 1923), einem
begnadeten Mathematiker aus Breslau.

Walter Gropius, der geniale Architekt,
wurde 1883 in Berlin geboren. Er starb 1969 in Boston,
Massachusetts.
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